Geschichte

Vor vielen vielen Jahren kamen wir auf die etwas dümmliche Idee, ein eigenes Buch zu schreiben. Es ist dann eine freierfundene klischeebeladene Novelle geworden, fernab meiner heißgeliebten Bildungsromane und Sozialstudien, weitentfernt von meinen geliebten Mittelalter schinken und Schmonzetten…Das bemitleidenswerte Ergebnis, das wir im Jahre 2008 fertiggestellt haben- ich habe vergeblich versucht, mich dafür zu schämen – findet sich nun hier…

Die folgende Geschichte ist fiktiv, völlig frei erfunden.
Die Autoren bringt hier eine Geschichte zu Papier, die sich wahrscheinlich sämtlicher auffindbarer Klischees bedient und die mit Nichten auch nur annähernd an die Realität heran reicht.
Sollten dennoch irgendwelche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, aktuellen Ereignissen oder ähnlichem auftreten, sind diese natürlich mit Absicht in die Handlung mit eingebracht.
Besten Dank für die geleistete Aufmerksamkeit.
Kai Lübke (20): Zivildienstleistender RK-Sanitäter
Katja Weber (21): Studentin: Kulturpolitik,
Musikwissenschaft; jobbt in Promotionsagentur
Maike Krämer (21): Studentin: Philosophie, Ur- &
Frühgeschichte, jobbt in Promotionsagentur
Markus Kaufmann (23): Student: Literaturwissenschaft,
Kulturpolitik, Fußballjugendtrainer
Anna-Lena Ritter (23): Rettungssanitäterin
Olliver Jansen (24): Werbeagent in Promotionsagentur,
Fußballjugendtrainer
Priya (21): besitzt GoGo-Bar
Rhanjid (19): Student: Informatik, Mathematik
Binel (21): Student: Informatik, Mathematik
Binel (22): Busfahrer
Peter (22): CD-Verkäufer
Nun ist es endlich soweit!

Wir steigen aus dem Großraumflugzeug, das uns etliche Stunden in die Zukunft gebracht hat.
Der Hintergrund unserer Reise:
wir wollen Indien so erkunden und erleben, als wären wir Teil einer dort ansässigen Familie.
Wie aber leben Teenager in einer typischen indischen Familie?
Nicht zu vergessen ist, dass die Familienmitglieder den typischen Berufen in diesem Land nachgehen:
der Vater: von Zeit zu Zeit Bauer und Hobbyzuhälter;
der Sohn: Informatik- und Mathematikstudent, Computerfreak und in freudiger Erwartung, bald eine Green-Card zu bekommen;
die Mutter: tiefgläubig, betet jeden Tag bestimmt drei Stunden die unendlich vielen indischen Götter an und bekocht die Familie (und somit auch uns) eher schlecht als recht;
die Tochter: mit 7 Jahren abkommandiert zum Teppichknüpfen, mit 15 Hausmädchen in einer etwas besser begüterten Familie und jetzt, mit 21, ist sie
stolze Inhaberin einer mir noch nicht näher bekannten Lokalität.

Die Familie hat jetzt mit uns aber noch ein paar Mitglieder mehr, die sich auch irgendwie in den normalen indischen Tagesablauf einleben müssen. Nicht
für lange, aber wir wollten es wenigstens versuchen…

Wir hatten ja gedacht, uns würde das grausam laute Geschrei der Vögel am späten Vormittag aus den Betten schmeißen. Aber tatsächlich holt uns eher unsere liebe Mama auf Zeit aus den Federn.
Soll heißen, wir werden geweckt von einem Gallensaft anhäufenden Gesinge, das Durgha zu teil kommen soll.
Hatte ich mich auf meinen allmorgendlichen Koffeinschock gefreut, wurde ich schnell eines besseren belehrt.
Hier gibt’s nichts als Tee.
Tee.
Und noch mal Tee.
Ich mag Tee. Aber nicht in der Farbe!
Die Karamellbonbons aus dem Flieger schmecken aufgelöst bestimmt besser.
Aber diese Teigfladen sind zum Glück recht bekömmlich (definitiv sind diese Dinger besser als das Abendessen…). So bekommen wir immerhin etwas in den
Magen. Und für unsere von Fastfood strapazierten Mägen ist das bestimmt gar mal nicht schlecht.
Dann geht’s an den Tagesablauf…
Und das ist ja das Hauptanliegen unseres Unternehmens.
Für die Jungs heißt das, sich den Herren der Familien anzuschließen, wir Mädels begleiten die beiden Damen durch den Tag.
Und ab morgen wird täglich gewechselt. Wir haben ja schließlich und (zum Glück) endlich nur zehn Tage, bis wir wieder ein Flugzeug entern.

Unser Jüngster, Kai, wird heute auf Schritt und Tritt den ältesten der Familie begleiten und hoffentlich nicht zu viele schlechte Angewohnheiten übernehmen.
Maike hat das Glück, unserer Gastmama zur Seite stehen zu dürfen. Die hat auch gleich was von Großeinkauf gemurmelt.
Markus, unser Ältester, wird gleich von unserem Computergenie in Schlepptau genommen und ich habe so die Ahnung, dass ich ihn heute erst wieder am Abend sehe.
Katja, also ich, hat die Ehre, unsere selbstständige Unternehmerin zu begleiten.

Ich habe ja so meine Ahnungen, die sich leider zu oft bewahrheiten. Aber damit hatte ich echt nichtgerechnet.
Drei Straßen weit weg von der doch recht netten Etagenwohnung meiner lieben Gasteltern steht ein schicker Kleinwagen, der uns dann auch recht zügig in
die nächste größere Stadt bringt.
Nanu, denke ich. Die wird mir doch nicht das Kulturprogramm bieten, an dem ich zwar interessiert, aber zu dessen Zwecke ich nicht in dieses Land gereist bin.
Ganz falsch.
Shoppen.
Ja, wirklich. Ich befinde mich urplötzlich auf dem Parkplatz eines recht modernen Einkaufszentrums wieder, das mit Neonreklamen nur so um sich schmeißt.
Sie braucht neue Berufsbekleidung.

Aha, denke ich. Jetzt kommt’s und ich werde in irgendwelche Beate Uhse ähnlichen Geschäfte geschleppt.
Auch nicht richtig. Sie gibt zwar ein heiden Geld in solchen Läden aus, ich werde aber vorher bei einem CD-Fachhändler abgestellt, der dem Musikhändler meines Vertrauens doch sehr ähnelt, mit der Bitte, mich nicht zu verlaufen. Und wenn ich hier fertig sei, solle ich doch bitte in dem Starbucksähnlichen Cafépoint am Ende der Halle auf sie warten.
So was lasse ich mir doch nicht zweimal sagen.
Leider fange ich im Geschäft an der falschen Seite an, mir die Musik anzuhören. Es geht nämlich los mit Meditationsmusik, die ich schon zu Hause nicht gerne
höre.
Ich wühle mich weiter durch dieses doch etwas an ein ordentliches Chaos angelehnte System, in dem die Cds angepriesen werden. Ich schlage mich auf die sichere Seite, indem ich weiter mache mit Cds, deren Cover doch recht westlich aussehen.
Treffer. Und versenkt. George Harrison. Nur eben für den indischen Markt. Mit dem Cover würde das bei uns aber auch kaum einer kaufen. Das ist meine.
Weiter geht’s. Haben die denn keine Rockabteilung?
Ich frage nach und gerate ausgerechnet an den Verkäufer, der nur sehr gebrochen englisch spricht.
Aber wir werden uns einig und ich in die rechte Ecke geschickt.
Und was bekomme ich da zu sehen?
Ich hatte ja auf die Stones oder ähnliches erwartet, aber ich hatte für einen kurzen Moment vergessen, dass ich mich ja auf einem anderen Kontinent
befinde…
Na ja, aber es wird doch recht interessant.

Ich finde hier keinerlei Interpreten, die mir auch nur im Geringsten bekannt vorkommen. Also frage ich, ganz tapfer, den kleinen Verkäufer, der kein Englisch
kann, was er mir denn empfehlen würde.
Und was ich dann auf die Ohren bekomme, ist doch recht gewöhnungsbedürftig … zumindest für meine Ohren.
Aber ich gebe nicht auf.
Weiter hinten sehe ich auf einer CD das kleine, aber doch recht feine Wörtchen Punk.
Ein Hoffnungsschimmer.
Dort finde ich einen Verkäufer, der mich auch versteht und versucht, mir die unterschiedlichsten Punkstile in Indien näher zu bringen. Ja, da gibt es offenbar  welche.
Wollte ich auch nicht glauben. Zum Glück merkt er recht schnell, dass ich ihn fast gar nicht verstehe und setzt mir einfach ein Paar Kopfhörer auf die
Ohren.
Ich denke: Was kommt jetzt? Ist das schlimm?
Ich traue meinen Ohren kaum, aber dass, was da aus der Anlage auf mich einrieselt sind die Dead Kennedys. Nur mit für den asiatischen Markt
überarbeitem Cover. Die wandert natürlich auch sofort in meinen Einkaufskorb.
Ich sehe mich weiter um, lasse den Dead Kennedys die Sex Pistols folgen und The Doors, die sich bestimmt nur verlaufen haben, und entdecke noch ein
winzigkleines Regal.
Das kann ja nichts berauschendes sein, wenn das so weit hinten versteckt steht. Es ist auch bloß traditionelle indische Musik. Aha. Ich erinnere mich spontan an meine Musikvorlesungen in ethnologischer Musikwissenschaft (viel ist da ja
nicht hängengeblieben…muss ich wohl noch mal ran nächstes Semester) und frage den zuständigen, und im übrigen recht süßen Verkäufer, ob ich mir die den mal anhören dürfte.
Ich bekomme zu hören, dass diese CDs doch recht teuer seien und die Europäer die Musik sowie so nicht verstehen würden.
So. Die Europäer haben also kein Musikverständnis?
(Ha! Da ist der ja bei mir an genau der richtigen Adresse! Na warte!)
Unsere Diskussion war im vollen Gange, als ich meine Schwester auf Zeit um die Ecke kommen sehe.
Als diese sieht, dass ich krampfhaft versuche, dem Verkäufer meine Überzeugung näher zu bringen, hält sie direkt auf ihn zu und scheuert ihm eine.
Ja, sie hat ihm eine recht saftige Ohrfeige verpasst, von der er sicherlich noch lange was hat.
Allerdings verrät sie mir nicht, warum.
Wir gehen in den Cafépoint und treffen dort, zu meinem Erstaunen, Markus und Rhanjid, das Computergenie.

Und das wohl keineswegs unerwartet, denn Markus und Rhanjid murmeln etwas von ‚na endlich‘.
Priya erzählt von dem Verkäufer und Rhanjid reagiert doch recht verärgert darauf. Wir bekommen eine Tirade an indischen Schimpfwörtern zu hören, die sich nicht sehr schmeichelnd anhören.
Mit einem Grinsen zu Markus sagt Rhanjid, dass wir das verstehen müßten, der Typ sei einfach ein Arschloch.
Aber auch er liefert auf unsere fragenden Gesichter keine Antwort.
Okay soweit.
Wie geht’s denn jetzt weiter?
Ach ja, natürlich.

Wir sind eingeladen zum Geburtstagsessen einer Freundin Rhanjids und Priyas.
Wenn wir aber keine Lust hätten, könnten wir auch mit den Eltern essen.
Im. Leben. Nicht.
Jedes Essen ist besser, als dass, was meine Mama auf Zeit zusammenrührt.
Na gut. Dann fahren wir jetzt nach Hause, die Klamotten wegbringen und uns umziehen. Das Restaurant gehöre in die etwas gehobenere Preisklasse.
Na super. Ich habe das kleine Schwarze doch gar nicht dabei.
Aber nachdem ich dann meinen, mal vorsorglich eingepackten Hosenanzug aus dem Koffer gesucht habe und vor Priya hin und her stolziere bekomme ich mehr
Lob als erwartet. Und Rhanjid lässt trocken fallen, dass mir Kleider wahrscheinlich sowie so nicht stehen würden.
Na toll.

Wir wollen gerade gehen, als Maike und Kai mit den Eltern zur Tür hereinkommen.
Wo wir denn hinwollen.
Meine beiden Freunde tun mir so leid. Aber das will ich mir doch nicht entgehen lassen. Also versuche ich Maike ganz vorsichtig zu erklären, dass wir zum Essen
eingeladen sind. Na ja, als die Mama das mitkriegt, gibt’s erst mal heftig Stress.
Das geht doch nicht. Wir haben Gäste und man kann die Hälfte ja nicht einfach zu Hause lassen. Und deshalb sollten wir alle da bleiben und das extra für uns
zubereitete Festtagsmenü genießen.
Priya und Rhanjid schieben Markus und mich einfach
aus der Wohnung.

Ob wir eine Idee hätten, wo es denn jetzt überhaupt hingeht.
Markus sieht die Straßenschilder und hat den Verdacht, dass wir in irgendeine Provinzhauptstadt fahren.
Richtig. Genau da landen wir dann auch nach knapp einer Stunde Fahrt.
Und dann werden wir in ein architektonisches Meisterwerk geführt, dessen sehr klangvollen Namen ich schon längst wieder vergessen habe, aber in dem sich eine Nobelboutique an die nächste reiht und wir direkt auf ein teures französisches Restaurant zugeschoben werden.
Und Maike und Kai sitzen zu Hause über irgendeiner
Reispampe ….

…mein Kopf!

Ich komme sehr schwer aus dem Bett. Das war wohl doch etwas zu viel Bordeaux gestern abend.
Ich unternehme den Versuch, Maike von meinem Tag gestern zu erzählen, aber sie erscheint mir doch irgendwie beleidigt, so dass ich das Unternehmen
wieder abbreche.
Auf dem Weg ins Badezimmer höre ich meine beiden Jungs, heftigst diskutieren.
Unverantwortlich sei das gewesen von Markus und mir,
Kai und Maike einfach hier zulassen. Maike hat das Essen wohl nicht vertragen und die halbe Nacht über der Kloschüssel verbracht.
Die Arme. Sie hätte ja aber heute morgen ruhig mal was sagen könne.
Wieso denn? Ich habe sie ja schließlich nicht gefragt.
Super Argument.
Na ja, die wird sich auch wieder beruhigen.
Der Tagesplan steht an.
Und heute habe ich das große Los gezogen. Die Mama war wohl gestern nicht auf dem Großmarkt, sondern nur auf dem Wochenmarkt. Und deshalb steht der
Monatseinkauf heute an und ich habe die Ehre, sie dabei zu begleiten und ihr beim Tragen zu helfen.
Kai fährt mit Priya zu ihren Großeltern, um zusehen, ob da noch alles in Ordnung ist. Die wohnen wohl in einem kleinen Dörfchen ein gutes Stück außerhalb der
Stadt. Und danach, verspricht Priya mir, kriegt der Junge was vernünftiges zu Essen.

Rhanjid fährt heute mit dem Zug in die Uni, um sich mit irgendwelchen Formularen für die eventuelle Green-Card einzudecken und danach einen
Informatikkurs zu besuchen. Ob Maike Zeit hat, ihn zu begleiten?
Was soll sie denn sonst hier machen?
Klar kommt sie mit.
Da gibt’s ja wohl Internet, oder?
So, und Papa muss heute in Krankenhaus. Der ist gestern abend im besoffenen Kopf nämlich die Kellertreppe runtergefallen, mit dem Kopf voraus, und jetzt kann er sich kaum bewegen, weil er sich in der Halswirbelsäule irgendwas eingeklemmt hat. Ob Markus einen Führerschein hat.
Klar, hat er.
Das ist gut, denn dann kann er den Papa ins Krankenhaus fahren und auf ihn aufpassen, dass er keine Faxen macht.
Markus ist ganz begeistert von dieser, nennen wir es mal vorsichtig Schrottkiste (auch Rost kann ein Auto zusammenhalten). Aber dieses Teil fährt tatsächlich.
Als Markus und der Papa vom Hof sind, ermahnt mich meine Mama zur Eile, denn der Bus fährt wohl in zwanzig Minuten. Ob es weit sei zur Haltestelle.
Oh, eine Haltestelle gibt es hier nicht direkt.
Aber wie…?
Ja, wenn man den Bus sieht und er fährt in die gewünschte Richtung, hebt man halt die Hand, winkt und hofft, dass der Busfahrer einen auch sieht und anhält.
Was, wenn der Busfahrer uns nicht sieht?
Ach so, klar. Dann laufen wir eben.
Wie weit?
Ach, dass ist nicht so weit. Mit dem Bus eine dreiviertel Stunde.

Eine dreiviertel Stunde. Mit dem Bus. Und zu Fuß eine Ewigkeit.
Aber meine Befürchtungen bestätigen sich (zum Glück) nicht.
Am anderen Ende der Straße steht der Bus und der Fahrer unterhält sich mit jemanden. Dieser Jemand scheint wohl ein Bekannter von meiner Mama zu sein,
denn die fängt sofort an zu winken. Als wir den Bus erreichen, stellt sich heraus, dass der Fahrer der Sohn einer Cousine meiner Mama ist und sein Gesprächspartner die Cousine meines Papas (…?).
Und da muss natürlich erst mal das Neuste ausgetauscht werden.

Komisch, irgendwie sieht der Busfahrer aus wie dieser CD-Verkäufer, dem Priya gestern eine gescheuert hat.
Aber er kann es nicht sein, denn der hätte mich ja bestimmt wiedererkannt.
Ach, ist auch egal. Ich will endlich diesen Einkauf hinter mich bringen.
Der Bus fährt tatsächlich in die richtige Richtung.
Ich kann mein Glück kaum fassen.
Wir fahren durch eine sehr sehr staubige Gegend, hier und da von Hinweisschildern aufgelockert.
Komischerweise hält der Fahrer aus irgendeinem Grund an.
Hier kann aber keiner gewunken haben. Hier wohnt nämlich keiner. Nicht mal Tiere. Das ist hier so trostlos, das gibt’s gar nicht. Die Straße schlängelt
sich hier so durch den Sand. Ganz weit hinten kann man erahnen, dass da eine Stadt oder so was ähnliches kommt.
Also, wieso halten wir jetzt hier in mitten dieser Halbwüste?

Ach so, wir haben nur kein Benzin mehr.
Wir haben kein Benzin mehr…
Es ist auch überhaupt nicht absehbar, wie lange so eine Tankfüllung vorhält.
Ach so, die Tankanzeige ist defekt. Na ja, kann ja mal passieren. Der Bus ist ja auch schon alt, nicht wahr?
Ja, und Geld für Reparaturen ist auch nicht immer da. Klar verstehe ich das. Ist doch überhaupt kein Problem. Und dass der Reservekanister auch leer ist, dass macht mir doch nichts. Ich habe überhaupt kein Problem damit noch ungefähr eine Stunde bei 42°C durch diese Einöde hier zu latschen, die keinerlei Aussicht auf eine Tankstelle, einen Kiosk oder sonst etwas, dass vielleicht Getränke oder Benzin verkaufen würde, bietet.
Ich habe auch nicht geahnt, dass meine Mama ein derartiges Tempo vorlegen kann. Statt der vorausgesagten Stunde schaffen wir den Weg zum Großmarkt in einer knappen dreiviertel Stunde.

Und ich fange mir ein paar strafende Blicke ein, als es mich direkt zum Trinkwasserbrunnen zieht. Dafür sei jetzt keine Zeit. Ich könnte hinterher was
trinken, wenn wir alles erledigt haben. Wir sind sowie so schon zu spät dran. Aber dann hat sie doch noch ein bisschen Mitleid für mich. Die Europäer sind ja auch überhaupt nicht strapazierfähig und haben keinerlei Ausdauer.
Der Großmarkt ist groß. Auch für mich als große Einkaufsmeilen gewöhnte Europäerin.
Meine Mama hält sich bedenklich lange in der Fischabteilung auf. Der wird dann wohl heute abend auf den Tisch kommen.

Ein Verkäufer hält mir irgendwelche Matjesähnlichen Tiere unter die Nase. Bah, die Viecher sehen nicht nur komisch aus, die stinken auch wie Hölle.
Aber meine Mama ist richtig begeistert von diesen – ich habe den Namen vergessen. Und essen werde ich die bestimmt auch nicht.
Aber tragen darf ich die Tüten. Dafür bin ich ja da.
Weiter geht’s. Ach ja, wir brauchen noch Gemüse. Auch für die Nachbarin von gegenüber, die kann nicht mehr laufen.
Warum?
Ach so, die war letzten Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land…na ja, eher irgendwie dort, wo’s Wasser gibt. Denn da hat sie am Fluss ein Krokodil in den Oberschenkel gebissen. Aber die sei ja auch selbst schuld, warum macht die dass auch?
Meine Mama kann die Dame wohl nicht so gut leiden?
Ne, eigentlich nicht. Aber als meine Mama die Syphilis hatte, hat betreffende Nachbarin ihr auch die Einkäufe erledigt, wenn es ihr nicht so gut ging.
Moment mal.
Syphilis?!
Oh.
Mein.
Gott.
(MAMA!!! ICH WILL NACH HAUSE!!! SOFORT!!!)

Aber ich habe zum Glück nicht allzu viel Zeit, um mir Gedanken darüber zu machen.
Denn mir wird eine bestimmt vier Kilo schwere Gemüsetüte in die Arme geschmissen, so dass ich erst mal durch den Schwung drei Schritte nach hinten gestoßen werde.
Der Verkäufer scherzt noch etwas mit meiner Mama und fragt sie wohl über mich aus. Klar, so oft scheinen die Inder keine Leute mich blonden Haaren zu Gesicht zu bekommen.
Mir laufen ein paar kleine Kinder entgegen, die heftig auf mich einreden. Natürlich verstehe ich sie nicht, aber anscheinend bin ich hier die Attraktion mit meinen blonden Haaren. Dabei ist die Farbe nicht mal echt.
Neben meiner Mama und mir steht am Brotstand eine Frau mit einem Baby auf dem Arm.
Dieses Kind schaut mich mit sehr großen Augen an und fängt einfach mal an zu heulen und zu schreien.
Ich habe aber gar nichts gemacht, lasse aber dennoch eine Kaskade an indischen Schimpfwörtern über mich ergehen. Doofes Kind.
Ich mag keine kleinen Kinder. Die sind so unberechenbar.

Meine Mama kriegt von alle dem natürlich nichts mit. Die ist schon längst mit diesen Wagerädern von Fladen beim nächsten Stand, an dem es undefinierbares zu kaufen gibt. Aber meine Mama ist mehr mit der Verkäuferin beschäftige.
Wie ich erfahren darf, ist diese nämlich die Stiefschwester von der Cousine meines Papas.
Aha (weiß die eigentlich auch von jedem einzelnen den Geburtstag?)
Muss sehr interessant sein, was die beiden sich zu erzählen haben. Ich stehe ungefähr eine halbe Stunde blöd herum und gucke dumm in der Gegen herum.

Dieser Markt ist echt riesig. Aber ehrlich gesagt, stinkt es mir hier ein bisschen zu viel. Der Geruch aus der Fischecke ist auch noch hier hinten zu riechen, vermischt sich mit dem aus der Gemüseecke
und wird gewürzt mit einem kleinen bisschen angebranntem Brot und es ergibt sich mit den Düften der Gewürzstände ein nie zuvor dagewesenes Durcheinander an Gerüchen.
Ich finde Gewürzstände ja immer gut. Da gibt’s was auf die Nase, normalerweise. Hier und da mal ein bisschen schnuppern von diesem ganzen exotischen Zeugs, von dem ich noch nie was gehört habe.
Denkste.
Hier wird das ganze plötzlich überlagert von dem Gestank saurer Milch. Und wo der nun herkommt, keine Ahnung.
Dafür landen mir noch drei Wagenräder große Fladen im Arm und eine Tüte mit Gewürzen.
Das wär’s dann auch.
Wenn ich nach Hause komme, trete ich gegen Axel Schulz an, die Muskelmasse sollte ich dann haben. Der Rückweg kann ja noch mal spannend werden.
Wir erwischen doch tatsächlich den gleichen Bus wie auf dem Hinweg.
Ach so, hier fährt nur einer.
Ach, und wenn wir heute vormittag nicht das Problem mit dem leeren Tank gehabt hätten, wäre der auch schon längst auf dem Rückweg. Ohne uns.
Na, ein Hoch auf die kaputte Tankanzeige und dass sie nie repariert werde.
Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich einen Sitzplatz zugewiesen bekomme von meiner Mama. Hat die vielleicht Mitleid mit mir, weil ich so schwer tragen muss? Aber die hat mir dass alles ja selbst in die Hand gedrückt. Sie jedenfalls platziert sich vorne neben dem Fahrer und fängt an, auf ihn einzureden.

Wir wollen gerade losfahren, da klettern die Mutti mit dem Baby, das meinetwegen angefangen hat zu heulen, in den Bus und setzt sich auf den letzten leeren Platz.
Direkt. Neben. Mich.
Kaum sind wir fünf Minuten unterwegs, fällt dem Baby ein, dass es mich schon mal gesehen hat. Und dem Blag fällt aber auch nichts besseres ein, als da weiter zu machen, wo es vorhin aufgehört hat. Beim Schreien, Heulen, Flennen, Jammern.
Aber die Mutti hat ihr Kind voll im Griff und nach einer viertel Stunde hört das brave Baby endlich auf zu heulen.
Es ist dann erfreulicher Weise auch mal für fünf Minuten ruhig. Aber das war’s dann auch. Es hat nämlich etwas neues zu spielen gefunden.
Meine Haare.

Dieser kleine Hosenscheißer findet meine Haare ganz toll. Er fängt nach Herzenslust an, daran zu ziehen und versucht, mir einzelne Haare auszureißen.
Und die Mutti findet das auch noch lustig.
Auf jeden Fall strahlt sie mich ganz freudig an und versucht, mir irgendwas zu sagen.
Der Busfahrer lässt während der Fahrt seinen Blick immer mal wieder nach hinten schweifen.
Und es kann sein, dass ich mir das nur einbilde, aber irgendwie bleibt er mit seinem Blick immer bei mir hängen.

Meine Mama lässt mich schreiend wissen, dass wir fast da sind. Noch ein viertel Stündchen.
Das Baby hat mittlerweile auch von meinen Haaren abgelassen. Nachdem es mir fast alle ausgerissen hat.
Grund für meine wiedergewonnene Freiheit: die Mutti stillt es gerade.
Na toll.
Hoffentlich wechselt die dem Blag hier drin nicht auch noch die Windeln.
Denn der Bus fährt über eine gut mit Schlaglöchern ausgestattete Straße.
Dieses Geschaukel passt dem Baby wohl mal wieder nicht in den Kram.
Jedenfalls fängt es wieder an zu schreien. Und es läuft sehr schnell sehr rot an.
He, he. Das Kind sieht aus wie eine Bombe, die kurz vor der Explosion steht.

Hätte ich das mal besser nicht gedacht…
Kurz nachdem mir meine Mama heftig gestikulierend mitgeteilt hat, dass wir gleich aussteigen müssen, fällt diesem Baby ein, dass es wohl heute keine Lust hatte auf frische Muttermilch und entschließt sich kurzerhand, das Zeug wieder loszuwerden.
Auf mein Shirt und auf meine Hose.

Mein entsetzter Aufschrei veranlasst den Busfahrer zu einer Vollbremsung, so dass ich gegen den Vordersitz pralle und die Mutti mit dem Baby vom Polster rutscht. Die Einkaufstüten schliddern durch den Bus und landen meiner Mama vor den Füßen, die dann auch endlich merkt, was passiert ist.
Und sie hat Mitleid mit mir. Sie sammelt die Tüten ein und fängt in einem Tempo, auf das Süditaliener neidisch wären, an zu schimpfen, dass die Mutti mit  dem kleinen Hosenscheißer auf dem Arm ganz schnell den Bus verlässt.
Und jetzt zahlt sich die weitverzweigte Verwandtschaft aus.
Denn der Busfahrer bittet die Leute höflich, aber bestimmt, dass die Fahrt bedauerlicherweise heute schon hier endet. Er bittet um Verständnis und verspricht, dass er morgen pünktlich losfahre.
Warum hat er das jetzt gemacht?
Na, er könne mich ja nicht so durch die Straßen laufen lassen. Denn selbst in Indien wird man nicht gerne von Babys angekotzt.
Sehr treffend.
Also werden die Mama und ich bis vor die Haustür chauffiert. Und er trägt uns noch die Einkäufe nach oben.
Ich verschwinde direkt im Badezimmer und sehe nur noch, wie der Fahrer die Mama angrinst und übers ganze Gesicht strahlt (da kriegen die Ohren Besuch, so breit grinst der).

Was ist da denn los?
Ach, egal. Ich will nur aus diesen Klamotten raus.
Ich höre die Wohnungstür ins Schloß fallen und kurz darauf klopft die Mama an die Badtür und meint, ich sollte mich gefälligst unter die Dusche stellen und die Klamotten sofort in heißem Wasser einweichen.
Es wisse ja keine, welche Magensäuren dieses Kind von sich gegeben hat.

Ich merke leider erst als ich unter der Dusche stehe, dass der Heißwasserboiler wohl nicht richtig geheizt hat.
Also begnüge ich mit lauwarmen Wasser, dass mit einem unheimlich enormen Wasserdruck aus dem Duschkopf über meine Haare plätschert.
Als ich dann frisch geduscht nach einer halben Stunde aus dem Badezimmer tapse, läuft mir als erstes Rhanjid in die Arme, dem ich dann haarklein die Geschichte mit dem Baby erzählen darf.
Und wieder mal sehne ich mich nach einem starken Kaffee.
Aber hier gibt’s ja nur Tee.
Aber zur Feier des Tages darf der Teebeutel mal länger als dreißig Sekunden in der Kanne bleiben.
Nach und nach trudelt dann auch der Rest der Familie ein und versammelt sich um mich.
Heute bin ich hier die Attraktion.

Mein Blick fällt auf zwei kleine Leute, die in der Küchentür stehen.
Das seinen die Großeltern, wird mir mitgeteilt. Die beiden wollten auch den Rest des europäischen Besuchs kennen lernen. Also hat Priya sie mitgebracht.
Kai sieht auch wesentlich erholter aus als gestern.
Ich frage ihn nach seinem Tag.
Priya hat ihn mit in ihren Laden genommen, erzählt er mir. (Na, endlich hat mal einer rausbekommen, was das für’n Schuppen ist!)
Ja, sie hätte doch diese GoGo-Bar am anderen Ende der Stadt (das erklärt auch, wie sie zur stolzen Besitzerin dieses Kleinwagens geworden ist). Das sei echt cool da. Die Bartante hat wohl nur noch ein Auge und ist wohl mindestens so alt wie unsere Eltern.

Danach seien die beiden dann zu den Großeltern gefahren, die sich richtig gesorgt hätten um Kai, als Priya erzählte, dass ihre Mutter ihn und Maike gestern Abend nach indischer Tradition bekocht hätte.
Kai bekam wohl darauf hin erst mal ein ordentliches Mittagessen mit Reis und Fisch (Gott, der Junge liebt Fisch).
Und dann haben sich die Großeltern angeboten, heute abend die Familie zu bekochen und Priya hat die beiden neben Markus ins Auto gesetzt und ist zurückgefahren.

Maike hält mir einen Stapel Papier vor die Nase.
Wahnsinn, sie hat mit Hilfe von Rhanjid in dieser Uni unsere Mails und Fotos, die wir geschickt bekommen haben, ausgedruckt und mitgebracht.
Sie ist die einzige, die von jedem einzelnen das Paßwort kennt. Weil sie sich nicht verplappert und der Rest das eigene des öfteren vergisst.
Rhanjid lässt Maike nicht aus den Augen. Und sie lächelt ihn immer wieder an.
Was läuft denn da?!
Ich sehe Markus fragend an, aber der zieht nur die Schultern nach oben. Er hat keine Ahnung. Der Junge war den ganzen Vormittag mit dem Papa im Krankenhaus.

Erst mal die Anmeldung. Papa hatte natürlich nach Leibeskräften versucht, Markus davon abzubringen, ihn ins Krankenhaus zu fahren.
Als die beiden da endlich angekommen waren, ging’s direkt zum Röntgen oder so.
Aber anscheinend hat unser Papa einen harten Schädel, denn ihm ist nichts großartiges passiert, außer einem kleinen Bluterguss hinterm rechten Ohr und sein Rücken ist auch völlig in Ordnung.
Warum haben sie denn dann so lange gebraucht und seinen nicht eher zurückgekommen?
Na ja, die Röntgenschwester war wohl sehr nett. Das jedenfalls fand der Papa. Aber leider, leider hatte sie ja Dienst und konnte die beiden Herren nicht mit in die nächste Kneipe begleiten.
Also musste Markus alleine mit dem Papa den Weltschmerz hinunter spülen. Er mit einer komischen Limo, weil er ja noch fahren musste, und Papa mit einer halben Flasche Habra.
Ach je. Das kann ja ein lustiger Abend werden.
Vor allem, weil ich unseren Papa gerade mit einer Schnapsflasche im Wohnzimmer verschwinden sehe.
Aber leider hat er Markus nicht erzählt, womit er wirklich sein Geld verdient, dann das hätte mich jetzt brennend interessiert.

Die Großmutter kocht heute abend für die ganze Familie und aus der Küche riecht es zur Abwechslung auch mal lecker. Ich bin sehr gespannt, was heute auf den Tisch kommt.
Wir wollen uns gerade an den mit dampfenden Schüsseln bedeckten Tisch setzen, als es an der Tür klingelt.
Rhanjid öffnet und der Busfahrer steht im Zimmer.
Ich bin jetzt irgendwie verwirrt, denn der Junge wird auch noch freudig begrüßt und von allen umarmt. Mir schickt er ein schüchternes Lächeln und setzt sich mir gegenüber an den Tisch.
Na danke. Jetzt grinst der mich hoffentlich nicht den ganzen Abend über an.
Aber irgendwie finde ich, dass der Junge eigentlich ganz gut aussieht.
Während des Essens frage ich mich, wie ein Inder an blaue Augen kommt. Gibt es das hier?
Mir fällt auf, dass Maike sich glänzend mit Rhanjid versteht. Die beiden sind nur am Lachen, die ganze Zeit.
Und Markus diskutiert mit den Eltern darüber, ob sich die Anschaffung eines neuen Autos noch lohnt.
Die Großeltern sitzen am Kopfende des Tisches und betrachten die ganze Situation friedlich.
Priya hat wohl noch eine Idee, was man heute abend machen kann. Jedenfalls sagt sie, dass wir uns noch mal umziehen sollen.
Nach dem Essen, das, nebenbei bemerkt, wirklich lecker war, sogar dieses komische Gemüse vom Markt, verschwinden wir kurz, um uns umzuziehen, so wie uns aufgetragen wurde.

Wenn das so weiter geht mit dem Weggehen, dann hat es sich ja die Gebühr für das Übergewicht meines Koffers doch ausgezahlt.
Maike stimmt mir da zu. Es kann ja auch nicht sein, dass man zehn Tage lang nur mit zwei Jeans auskommen soll.

Dann quetschen wir uns zu siebt in den Kleinbus der Eltern.
Dieser Busfahrer sitzt neben mir. Wer hätte das gedacht?
Markus darf fahren. Er dieses Ungetüm heute vormittag ja schon einmal ohne Unfall durch die Stadt gefahren hat. Außerdem, scherzt Priya, muss ja einer nüchtern bleiben. (Allerdings weiß sie nicht, das Markus nichts trinkt, weil Großvater von einem Betrunkenen angefahren wurde und dann im Krankenhaus gestorben ist.)
Priya lots uns in eine ziemlich dunkle Ecke der Stadt und lässt Markus irgendwann neben einer völlig unauffälligen Hofeinfahrt parken.
Aber diese Hofeinfahrt ist der Eingang zu einer kleinen, aber feinen von der Stadtjugend aufgezogenen Disko, fernab jeglicher elterlicher Kontrollen. Und die Polizei, meint Priya, verirre sich wohl nur sehr
selten in diese Ecke der Stadt. (Wieso Polizei???)
Wir sind kaum durch die Tür, da werden wir auch schon
freudig begrüßt. Rhanjid und Priya sind hier anscheinend sehr beliebt. Wir werden bloß als „unsere Europäer“ vorgestellt. Klar, Maike und ich müssen erst wieder einige erstaunte Blicke über uns ergehen lassen.
Haben die Leute hier noch nie blonde Haare gesehen, bei denen nur ein bisschen nachgeholfen ist?
Anscheinend nicht.

Und Markus ist sowie so der Held mit seinen naturroten Haaren. Bei uns ist er ja nur „der Pumukel“.
Rhanjid verschwindet in Richtung der Toiletten, gefolgt von einem Kerl, der Maike freudig begrüßt hat.
Woher kennen die sich denn?
Aber Maike versteh mich nicht, die Musik ist so laut. Priya lotst uns zur Theke und wir bekommen einen sehr süßen, aber verdammt leckeren Cocktail mit doch recht hohem Alkoholgehalt in die Hand gedrückt.
Mal was anderes als immer nur Daiquiri, Caipi und Mojito.
Wir unterhalten uns ein bisschen mit dem Typen hinter der Theke. Er spricht hervorragende englisch; das liegt daran, dass er, wie wir im Laufe des Gesprächs erfahren, in Edinburgh studiert hat.
Er erzählt ein bisschen von Schottland und der Kreuzfahrt, die er durch die Karibik gemacht hat (Mann, warum kann ich mir so was nie leisten?!).
Nebenbei erfahren wir auch, dass der Gute schon eine kleine Tochter hat und deswegen zurück nach Indien gekommen ist. Er hat das Studium geschmissen und arbeitet jetzt irgendwas ganz aufregendes. Steuereintreiber oder so was. Aber genau weiß ich das
nicht mehr, hab’s halt vergessen.
Nach knapp zwei Stunden taucht auch Rhanjid wieder auf. (Man, man, man…! WO war der denn so lange, hm??)

Maike grinst wissend, als er auf sie zusteuert und sich mit ihr unterhält (Und ich erfahre immer noch nicht, was die beiden da am mauscheln haben…).
Priya kann es wohl nicht sehen, dass ich so nichtstuend in der Gegend herumsitze. Deshalb zieht sie mich wider jeglichen Protests meinerseits auf die Tanzfläche.
Irgendwie kommt mir die Musik sehr bekannt vor…
Ach so. Markus, der gute Junge, kommt grinsend auf mich zu und erzählt, dass er dem nicht mehr ganz nüchternen DJ seinen Urlaubsmix untergejubelt. Na, das Zeugs kenn ich wenigstens…
Priya wird gleich von so ein paar Typen angetanzt, die ihr andauernd Komplimente machen.
Der eine zieht aber doch recht schnell wieder ab, mit einem sehr verärgerten Gesicht.
Warum? Na, er hat von Priya wissen wollen, wann er sie selbst denn mal auf dem Tisch in ihrer Bar tanzen sehen kann.
Das hat ihr wohl so gar nicht gefallen.
Ich mache beim Tanzen ja nie eine gute Figur, aber neben Priya komme ich mir einfach nur blöd vor.
Denn sie kann wirklich sehr gut tanzen.
Ich drängle mich durch die Menge in Richtung des DJs, denn da ist eine Säule, an die ich mich lehnen kann und mit Sicherheit nicht auffalle.
Als ich so meinen Blick durch den Saal schweifen lasse, entdecke ich den Busfahrer, der mich wohl schon etwas eher gesehen hat, denn er grinst mich breit an.
Ich gucke schnell weg in Richtung Theke.
Da sitzt Maike immer noch neben Rhanjid. Und neben dem steht der Kerl, der im auf die Toilette gefolgt ist.
Die drei verstehen sich echt blendend.
Ich glaub es nicht! Der Typ beugt sich zu Rhanjid und knutscht ihn! Richtig heftig!
Maike sieht mich und kommt zu mir herüber.
Ja, das ist Rhanjids Freund. Die beiden sind schon zwei Jahre zusammen.
Woher hat sie denn ihre Weisheiten?
Na, sie war doch heute mit Rhanjid in der Uni. Da hat sie dann alle kennengelernt.
Dann verabschiedet sich Rhanjid von seinem Freund, denn der gute Junge muss morgen ganz früh in die Uni. Und Rhanjid zieht Maike auf die Tanzfläche und macht einen auf John Travolta.
Und ich stehe hier mal wieder allein herum.
Dachte ich zumindest, bis mir jemand von hinten auf die Schulter klopft. Ich drehe mich um und werde von dem Busfahrer
angegrinst. Man, der hat aber wirklich tolle Augen. Aber wie kommt ein Inder an solche blauen Augen?
Ach, eigentlich egal.
Ich unterhalte mich ein bisschen mit ihm.
Er heißt Binel und arbeitet seit zwei Jahren als Busfahrer. Leider wohnt er immer noch zu Hause bei seiner Mutter, zusammen mit seinem Zwillingsbruder.
Moment mal.
Arbeitet der vielleicht in diesem komischen CD-Laden im Einkaufszentrum?
Ja, aber woher wüsste ich das?

Oh, ich denke, dass ich schon Bekanntschaft mit ihm gemacht habe…
Binel verzieht das Gesicht und entschuldigt sich bei mir für seinen Bruder.
Und dann bekomme ich wieder mal eine Kaskade an Schimpfwörtern zu hören, dies mal aber auf englisch.
Sein Bruder heißt Peter, erfahre ich. Hä, wieso hat der denn einen englischen Namen?
Na ja, seine Mutter hatte mal eine Affäre mit einem Engländer, der hier im Urlaub war. Und sie ist wohl der Meinung, dass Peter dem Vater sehr ähnlich ist. Und deshalb trägt er seinen Namen. (Aha, dass hat sie direkt bei der Geburt festgestellt, oder was?)
Kennt er denn seinen Vater?
Nein, nein. Den hat er nie getroffen. Aber er war mal in London für ein Jahr als Au-Pair, und hat da ein bisschen nach im gesucht. Aber ohne Erfolg (Na, wen wundert’s! Als ob sich England auf London
reduzierte…!)
Ich erzähle ihm ein bisschen von mir, nicht wildes, aber immerhin hat er mir ja auch einiges über sich erzählt.
Na ja, und dann zieht er mich einfach irgendwann auf die Tanzfläche.
Ich kann aber doch gar nicht tanzen!
Aber als ob der DJ es geahnt hat, schmeißt er jetzt einen Schmusesong nach dem anderen auf den Plattenteller…
Und ich kann hier nicht weg, denn Binel hat den Klammerblues neu erfunden.
Ich sehe Maike, die mit Priya an der Bar steht, und werfe den beiden hilfesuchende Blicke zu. Aber was tun die beiden Grazien?

Anstatt mir zu helfen schicken mir die Beiden ein schiefes Grinsen und prosten mir mit ihren Cocktailgläsern zu. Und Binel schiebt mich langsam, aber sicher immer weiter Richtung Toiletten.
Aber zum Glück sind da ja auch noch meine beiden Jungs, auf die ich mich wie immer verlassen kann.
Irgendwie scheinen die Beiden nämlich bemerkt zu haben, dass mir nicht so ganz wohl dabei ist, mit Binel Richtung Toiletten zu verschwinden.
Und ganz plötzlich hat Binel einen neuen Tanzpartner. Markus hat sich ganz dezent zwischen Binel und mich gedrängt und Kai schiebt mich in Richtung Ausgang. Dann lasse ich auch noch eine Standpauke über mich ergehen, dass ich in fremden Ländern keine fremden Männer angraben soll und so weiter.
Ich sollte viel mehr an Marius denken. Der sitzt jetzt bestimmt zu Hause und denkt an mich.
Das glaube ich kaum, denn wir sind ja seit drei Wochen nicht mehr zusammen.
So, dass wäre gesagt (endlich!). Nur leider habe wieder ich vergessen, wie hartnäckig und neugierig Kai sein kann. Also bohrt der Junge so lange nach, bis ich ihm die ganze Story erzähle…

Ich war jetzt knapp zwei Jahre mit Marius zusammen, als er auf die Idee kam, etwas mehr Schwung in unsere Beziehung zu bringen. Also
schleppte er mich am Wochenende immer in irgendwelche komischen Clubs, die er unter der Woche ausfindig machte, während ich über meiner Uniarbeit gesessen habe.
Einmal wollte mir Marius nicht erzählen, wo wir denn abends hinfahren würden. Erst kurz vor dem Ziel hat er mir dann verraten, dass er mich heute endlich mal mit in seinen Swingerclub nehmen will. Ich habe dann nach langer Nachfragerei endlich aus ihm
herausbekommen, dass er schon fünf bis sechs mal da war und dass ihm das total super gefallen hat. Und dass würde doch wirklich mal mehr Feuer in unsere Beziehung bringen. An der nächsten roten Ampel bin ich dann einfach ausgestiegen.
Als ich dann am nächsten Morgen zu Marius gegangen bin, hat mir ein mir völlig unbekanntes Mädchen, das, nebenbei bemerkt, sehr spärlich bekleidet war, die Tür geöffnet. Auf meine Frage, wer sie denn sei, erklärte sie mir entrüstet, dass sie, Silke, doch schon seit fünf Wochen mit Marius Freundin sei. Wer ich denn überhaupt sei.
Ich sagte ihr, ich sei nur eine alte Freundin von Marius, und dass ich zufällig in der Stadt sei ihn lange nicht gesehen hätte.
Darauf hätte ich auch jetzt keine Chance, wurde mir erklärt, denn Marius sei gar nicht zu Hause. Wo er denn wäre.
Auf dem Weg zu einer Exfreundin, ihr zu sagen, dass diese ihn endlich in Ruhe lassen sollte, und ihn nicht immer anrufen sollte.
Ob sie wisse, wie diese Exfreundin heißt.
Ja natürlich.
Katja.

Kai sieht mich total entsetzt an.
Warum ich ihm denn nichts erzählt habe? Immerhin ist bzw. war Marius sein bester Freund.
Er schiebt mich zurück in die Disco und Richtung Bar.
Dann ordert er etwas beim Schottlandtypen hinter der Bar und drückt mir kurz darauf ein Glas mit einer undefinierbaren Flüssigkeit (aber es ist gelb, das ist kann ich wohl sagen) in die Hand mit dem Befehl, das Glas auf Ex zu leeren.
Ich tue, wie mir geheißen und spucke fast Feuer.
Was ist denn das?!
Och, dass ist bloß die typische Mixtur von
schottischem Whiskey und irgend einem indischen Gesöff.
Aha (1:1-Mix oder was?).
Auf jeden Fall treibt mich das Zeugs zum Klo.
Als ich dann wieder auftauche, steht mal wieder Binel vor mir.
Er sieht mich etwas schüchtern an, und stammelt dann was davon, dass es ihm total leid tut. Markus hätte ihm von meinem Freund erzählt. Das konnte er ja nicht wissen und er wollte auf keinen Fall aufdringlich sein.
Ich winke ab.
Ich sage ihm nur noch, dass er mich das nächste Mal fragen soll.
Dann sehe ich Markus auf mich zu kommen.
Er sagt, Kai hätte ihm die Sache mit Marius erzählt, und dass dieser was erleben könne, sobald wir nach Hause kommen.
Ich lasse das unkommentiert und verlange nur, auf der
Stelle, mein Bett aufzusuchen.

Am nächsten Morgen schlafe ich sehr lange.
Ich wundere mich schon, dass ich nicht geweckt werde mit dem Befehl, sofort zur Stelle zu sein und irgendwem zu helfen.
Ich tapse in Richtung Badezimmer und werde mit einem freudigen Lächeln seitens Kai und Maike begrüßt.
Was haben die beiden denn für Laune? Und das am frühen Morgen. Unglaublich (es ist grad mal zehn Uhr…).
Natürlich ist das Bad besetzt.
Markus (wer sonst?).
Der ist mal wieder Ewigkeiten mit seinen Haaren beschäftigt.
Als ich dann endlich angezogen bin und Richtung Küche stiefle, kommt mir irgend etwas komisch vor.
Ja, natürlich.
Keine Mama, kein Papa.
Wo sind denn alle?
Die Großeltern wegbringen. Und das wird wohl den ganzen Tag dauern.
Wieso?
Ach so, Rhanjid hat die Oma dazu angestiftet, die Eltern mal einen Tag aus dem Verkehr zu ziehen.
Schön, und was machen wir dann? Ich habe nämlich heute echt gar keinen Nerv auf irgendwelche komischen Sachen. Eigentlich möchte ich schnell wieder ins Bett, mit Wärmflasche und Taschentüchern. Bei mir herrscht heute nämlich Weltuntergangsstimmung, aber darauf habe ich heute wahrscheinlich keine Chance.

Kai lächelt mich an und schiebt mich mit sanftem Nachdruck in die Küche.
Irgendwas kitzelt in meiner Nase. Rhanjid stellt vor mir eine Tasse auf den Tisch und ich blicke in eine schwarze Flüssigkeit.
Kaffee!
Ja, wirklich. Echter Kaffee. Ich kann es kaumglauben. Wieso…?
Na ja, Markus erklärt, dass ich gestern wohl einen sehr harten Tag hatte und dass ich deshalb heute mal richtig abspannen sollte.
Gut. Gerne.
Aber wie kommen die denn hier an Kaffee? Und wieso hab ich den nicht gestern auch schon bekommen? Allerdings kenne ich meine Freunde recht gut, um zu wissen, dass da was nicht stimmt. Maike sitzt normalerweise nie mit gekämmten Haaren am Frühstückstisch. Egal wie spät es ist. Und Markus hat morgens immer die gleiche Laune wie ich, nämlich gar keine. Nur Kai strahlt morgens immer wie… na ja. Aber heute wirkt er etwas, sagen wir mal, zappelig.
Ich genieße erst mal meinen Kaffee. Dann will ich wissen, was los ist.
Wie ich denn auf die Idee komme.
Direkter Augenkontakt ist heute Morgen wohl auch nicht drin, was? Na dann kann ich ja wieder ins Bett, oder? Ich bin gerade um die Ecke, als Markus mich am Ellenbogen greift und mich höflich, aber bestimmt bittet, doch wieder mit in die Küche zu kommen.

Jetzt geht das wieder los.
Also, in der Lektion „wie sage ich etwas gerade heraus ohne viel drum herum zu reden“ brauchen die noch ein paar Unterrichtsstunden.
Ich lehne mich an den Rahmen der Küchentür und trinke meinen Kaffee aus. Rhanjid gießt mir noch eine Tasse ein und zieht dann Priya mit aus der Küche.
Aha, die beiden machen sich also schon mal aus dem Staub. Das kann ja heiter werden. Und dann machen die endlich ihren Mund auf: Ich wüsste doch, dass unsere Visa drei Monate lang
gültig seien. Ja, ich war schließlich live dabei, als wir uns die
Dinger bei der Botschaft abgeholt haben.
Und so einen internationalen Führerschein hätten wir
ja auch alle.
Ja. Ach, das war vielleicht ein Akt mit meinem Foto.
Auf dem Führerscheinfoto für Deutschland habe ich rote Haare, auf dem für den internationalen schwarze und als ich das Ding beantragt habe, war ich wieder blondiert. Und die ältere Dame in dieser komischen Behörde hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Man
solle sich doch mit seiner Persönlichkeit abfinden und nicht immer krampfhaft versuchen, sich zu ändern.
Und das Rückflugdatum lässt sich auch beliebig
verschieben, das wüßte ich ja auch.
Ja, das weiß ich. Wollen die mir sagen, dass die eher
nach Hause wollen?
Kai räuspert sich und schaut von Maike zu Markus und dann wieder zu Maike.
Was ich denn davon halten würde, unseren Ausflug auf vier Wochen hier zu verlängern.

Mein Kaffeebecher segelt zu Boden und ich direkt hinterher.
Als ich wieder aufwache, finde ich mich auf dem Wohnzimmersofa unter einer scheußlich geblümten Decke wieder, die unheimlich kratzt.
Ich blicke in fünf sehr besorgte Gesichter. Und alle fangen gleichzeitig an, auf mich einzureden. Maike sagt so etwas wie „ich würde mal wieder die große Show abziehen“ und handelt sich sofort einen sehr boshaften Blick von Kai ein. Sie entschuldigt sich laut und deutlich, damit es auch ja jeder mitkriegt, bei mir.
Was ich denn jetzt von dem Vorschlag halte.
Sind die wahnsinnig? Ich bleibe doch nicht vier Wochen hier. Zehn Tage waren ausgemacht. Über zwei Wochen lässt sich noch diskutieren. Aber nicht über vier.
Markus grinst mich schief an und erinnert mich dann an unser Cliquengesetzt.
Jetzt bin ich wieder voll da.
Was will der denn jetzt mit dem Cliquengesetzt?
Ich meine, ich habe niemandem den Freund ausgespannt, hatte keine Affäre mit meinem besten Freund (also, jetzt einfach mal so … zwischendurch, weil gerade kein anderer da ist; das geht nicht gegen eine richtige Beziehung mit irgendwem aus der Clique) und habe auch über niemanden hergezogen. Was kann denn da noch …?
Oh nein! Das darf doch nicht …, das kann nicht wahr sein!
Markus merkt, dass ich mich an den letzten, wenn auch sehr unwichtigen Punkt erinnere. Überstimmt mit zwei zu eins!
Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen schießen und versuche, diese krampfhaft zu unterdrücken.
Kai zieht mich vom Sofa und schiebt mich auf den Balkon (hier gibt’s einen Balkon…wieso hab ich den bisher nicht entdeckt?).
Ich verlange nach einem Paket Taschentücher.
Vier Wochen, wie kommen die denn darauf?
Na ja, die Jungs haben sich gestern abend echt gut verstanden mit den Freunden von Priya und Rhanjid. Und Maike war auch ganz begeistert von diesem Laden. Als Priya dann darauf gekommen ist, dass unsere Visa ja eine bestimmte Zeit gültig sind, hat sie einfach
beschlossen, dass wir ja auch den Rest des Monats hier bleiben könnten.
Den Rest des Monats…
Super, dann gibt’s demnächst jeden Tag solche Touren wie gestern zum Großmarkt. Kai merkt aber, dass die anderen mich mit dem
Vorschlag etwas überfahren haben.
Ich könnte ruhig sagen, was ich davon halte.
Aber das Cliquengesetz…?
Das wäre jetzt mal ausnahmsweise egal, wir seien hier schließlich nicht zu Hause. Ich gebe zu, so ganz abgeneigt bin ich dem Vorschlag
ja nun nicht. Auch wenn unsere lieben Gasteltern uns so richtig ans arbeiten kriegen, gefällt es mir hier doch recht gut. Naja, das ein oder andere ist recht gewöhnungsbedürftig, und ich hatte mich auch schon wieder auf zu Hause gefreut (jeden Tag duschen und das tun, was einem gerade in den Kram passt), und gehofft, dass diese Woche schnell vorbei ist.
Aber irgendetwas arbeitet in meinem Kopf und sagt mir, dass es doch keine schlechte Idee ist.
Hey, vier Wochen Indien und ich muss nur den Flug bezahlen…
Das sollten wir eigentlich ausnutzen, oder?
Wann kriegen wir denn wieder so eine Möglichkeit?
Kai schiebt mich zurück ins Wohnzimmer. Maike und Markus bestürmen mich gleich mit Entschuldigungen, dass es ihnen Leid tut und das die Idee total dämlich sei.
Als ich meinen Mund aufmache, um was zu sagen, höre ich Kais Stimme hinter mir.
Er sagt, dass wir drei Wochen bleiben.
Aber nur, wenn wir auch ein bisschen Urlaub machen können.
Priya und Rhanjid fangen an zu grinsen und freuen sich wie kleine Kinder.
Ich drehe mich um und blicke Kai etwas säuerlich an. Ich hätte nämlich auch gerne was dazu gesagt. Der aber grinst mich nur an und flüstert mir ins Ohr, dass es nur gut für meine Psyche sein kann, Marius nicht so schnell wiederzusehen. Außerdem wollte ich doch schon immer was über die indische Kultur lernen, und jetzt hätte ich genügend Zeit dazu.
Warum müssen Männer einen immer bevormunden?
Aber okay, Kai hat schon recht.
Aber ich hätte das gerne selbst festgelegt.
Aber jetzt ist es auch egal.

Wir bleiben.
Drei Wochen!
Markus und Maike tanzen durchs Zimmer und freuen sich.
Priya und Rhanjid schauen einander an und nicken gleichzeitig.
Was ist denn aber mit der Verpflegung?
Ich glaube nicht, dass wir drei Wochen bei diesem Fraß, den es hier gibt, aushalten. Kais Lachen gefriert, Maike lässt sich geräuschvoll
auf den nächst besten Stuhl fallen, der bedenklich knirscht, und Markus rennt fast gegen die offenen Balkontür.
Tja, daran haben die drei nicht gedacht (allerdings frage ich mich, wie gerade Kai eine für ihn so essentielle Sache außer Acht lassen kann…).
Priya und Rhanjid verziehen ebenfalls die Gesichter (klar, die kennen diesen Fraß ja zur Genüge). Aber anscheinend hat Rhanjid eine Idee, denn er springt plötzlich auf und rennt zum Telephon, wobei ich mich wundere, dass das Teil überhaupt funktioniert, wählt eine anscheinend endlos lange Nummer und redet dann in einem mörderischen Sprechtempo auf jemanden ein.
Diese Jemand scheint das Richtige zu sagen, denn Rhanjid grinst von einem Ohr zum anderen. Er legt auf, dreht sich zu uns um und meint, wir sollen unsere Klamotten zusammenpacken.
Wir ziehen um.
Gut.
Aber, bitte schön, wohin denn?!
Na ja.

Rhanjid ziert sich wohl etwas, uns die Wahrheit zu sagen, aber ein ernster Blick seitens seiner Schwester lässt ihn zusammen fahren und wir erfahren, wo wir die nächsten Wochen zu nächtigen kommen.
Bei Binel.
Wie bitte?!
Nein!
Nein!
Nein!
Nicht bei dem Binel! Zumindest nicht die Mädels. Wir werden bei Rhanjids Freund unterkommen. Und der heißt ja auch Binel.
Und die Jungs?
Tja, die müssten dann zu dem anderen Binel. Das sei doch hoffentlich kein Problem? Nein, kein Problem, sagt Kai. Und Markus stimmt ihm kopfnickend zu. Kai brummt noch was, das so klingt, wie „den Knaben im Auge haben“. Ich habe keine Ahnung, was der meint.

Da wären wir.
Bei Rhanjids Freund, Binel. Aber zur Unterscheidung sind wir dazu übergegangen, ihn Rajah zu nennen. Das heißt wohl so viel wie König. Und Rajah hat mal bei irgendeinem großartigen lokalem Wettbewerb gewonnen und deshalb kennt ihn auch fast jeder. Der Junge ist hier richtig prominent.
Und seine Eltern sind auch echt nett. Maike und ich werden freudig begrüßt und sofort von allen Seiten bemuttert.
Und wir zwei registrieren freudig, dass in diesem Haushalt die Religion wohl nicht ganz so groß geschrieben wird wie bei unseren ehemaligen Gasteltern.
Rajah erklärt, dass er in den nächsten Wochen hier auf der Couch im Wohnzimmer schlafen wird, damit wir sein Zimmer haben können. Das sei zwar nicht sehr groß, aber Rhanjid findet es gemütlich.
Ob das für uns ein Problem sei.
Nein, auf keinen Fall.
Das Zimmer ist wirklich gemütlich, erinnert mich ein bisschen an die Dachgeschossbude meines Bruders. Durch das Zimmerfenster scheint die Nachmittagssonne und taucht das ganze in rotes Licht.
Außerdem hat der Junge ein riesiges Bett, da passen Maike und ich zusammen rein und es ist immer noch Platz. Für unsere Klamotten kriegen wir einen Platz in einer riesigen alten Truhe.
Kai und Markus sind fast ein bisschen neidisch, als wir sie später treffen. Markus darf bei Binel auf dem Sofa schlafen, und das
ist wohl ein bisschen zu kurz für den Jungen (was ist der auch so lang?).
Kai hat die Arschkarte gezogen. Er pennt auf einem Luftmatzraten ähnlichem Ding, dass bei Binel im Zimmer liegt (also es ist wohl eine Matratze, in der die Luft nicht drinbleibt). Und der muss dann nachts
aufpassen, dass er beim Schlafwandeln Kai nicht auf den Beine tritt.
Maike erinnert uns an eine sehr unangenehme Aufgabe.
Unseren Eltern beizubringen, dass wir noch eine Woche länger hier zubleiben gedenken.
Aber Markus meint, dass das kein Problem sein wird, denn unsere Eltern seien doch tolerant unseren bisherigen Entscheidungen gegenüber gewesen.
Wie war das?
Ich meine, ich bin zwar schon ein paar Tage volljährig, aber meine Eltern wissen immer noch sehr gerne Bescheid darüber, wo ich mich gerade herumtreibe. Die werden mir am Telephon die Hölle
heiß machen…
Aber mal abwarten, wie die anderen Erziehungsberechtigten so reagieren. Wo kann man denn hier überhaupt recht kostengünstig
ein solches Telephongespräch führen?
Oh, morgen bei Rhanjid in der Uni.
Morgen? Und heute doof rumsitzen?
Na ja, es gab da mal diesen CallShop am anderen Ende der Stadt, aber Priya weiß nicht, ob es den noch gibt.
Aber wir können da ja mal vorbeischauen.

Natürlich lässt uns das Glück im Stich. Der Laden hat wohl schon eine ganze Zeit zu. Die Zeitungen, mit denen die Fenster von innen verklebt sind, sind sehr gelb, und diese Fenster gehen fast nach Norden. Da kommt wohl so schnell keine Sonne hin…
Also müssen wir doch bis morgen warten.
Grmplhmpf.
Die restliche Zeit vom heutigen Tag verbringen wir in unseren neuen Behausungen.
Das heißt für Maike und mich, dass wir stundenlang das Bad unserer neuen Gastfamilie besetzten und uns ausgiebiger Schönheitspflege widmen werden. Außerdem haben wir dann mal wieder Zeit für unsere Lieblingsthemen. Schuhe und Männer (ja, ja, typisch Mädchen, ich weiß!). Ich werde mir schon mal eine Verteidigungsstrategie zulegen, denn Maike wird mich mit Sicherheit nach gestern abend fragen und ehrlich gesagt habe ich keine Lust ihr die komplette Geschichte mit Marius zu erzählen.
Es reicht, dass Markus gemerkt hat, dass ich Kai gestern abend etwas mehr erzählt habe. Und er wird garantiert nicht locker lassen, ehe Kai
ihm die Story erzählt hat.
Wir bekommen von unseren neuen Gasteltern die Erlaubnis zu einem „Beauty-Tag“. Wir dachten uns, wir fragen vorher mal nach, aufgrund
der Wasserkosten und so. Aber die haben überhaupt nichts dagegen. Aber ich denke, dass wir das nicht bis ins unendliche ausdehnen sollten. Das hinterlässt vielleicht keinen so guten Eindruck.
Na ja, und es wird, wie ich es mir gedacht habe.

Kaum haben wir die Tür hinter uns zugeschlossen, berfällt Maike mich mit einer Flut an Fragen und Ratschlägen. Natürlich will sie die ganze Geschichte mit Marius wissen.
Und natürlich weiß sie wieder alles besser.
Welche Fehler ich wieder mal gemacht habe in der Beziehung.
Und welche Fehler Maike auf keinen Fall gemacht hätte.
Aber das war so klar.
Maike macht das besser, Maike hätte das nie gemacht, Maike hätte …
Gott, ich glaube, wenn wir nicht Mutterseelen allein und verlassen in einem fremden Land mit noch fremderen Leuten wären, dann würde ich jetzt einfach gehen und Maike hier mit ihren Weißheiten alleine
sitzen lassen.
Aber wie dem so ist…
Also ringe ich mich dazu durch, wenigstens einen Teil der Geschichte zu erzählen, damit das Kind endlich Ruhe gibt. Ich beschränke mich auf die dünnste Version, gerade so viel, dass sie keine Fragen stellt. Und Kai wird morgen was zu hören bekommen, dass der einfach so was weiter erzählt hat. Das macht der doch sonst auch nicht. Markus wird mich dann morgen auch mit Fragen, Vorwürfen und dergleichen überhäufen. Und das kann noch nerviger werden als Maikes Predigten.
Markus hat ja zu unserem Leidwesen zwei Semester Psychologie studiert und jetzt lässt er immer schön das Wissen anderer raushängen. Das kann so nerven, nur ist er wieder der einzige, der das nicht merken wird. Zum Glück hat er mittlerweile umgesattelt und jetzt studiert er Literaturwissenschaften und (wie ich auch) Kulturpolitik.
Maike hält mir einen Vortrag darüber, dass man in einer Beziehung auch auf die Wünsche seines Partners eingehen muss. Und dass man ja vielleicht auch mal die Bedürfnisse des anderen respektieren sollte und darauf eingehen sollte.

Klar, deshalb hast du dich ja auch vor drei Monaten von deinem Christian getrennt. Weil sie willenlos dazu bereit war, Christians
Wünsche zu respektieren. Wie die aussahen, wissen wir ja …
Maike, kannst du mal; Maike, mach mal; Maike du gehst nicht; Maike, nein, ohne mich gehst du nicht in dieses Disko, die hab ich noch nicht unter die Lupe genommen und auf deine sogenannten Freunde kann
man sich ja nicht verlassen.
Das war immer ein riesen Spaß für uns alle, sich Christians Vorwürfe anzuhören.
Markus und Kai seien nur mit Maike unterwegs, weil sie so eine scharfe Braut sei. Und ich, die kleine graue Maus, hänge ja nur mit ihr ab, weil ich auch mal ein bisschen Aufmerksamkeit erlangen
möchte. Aber wenn Maike uns wirklich mal brauchen würde, sei wahrscheinlich keiner von uns aufzufinden. Denn echte Freunde gibt es ja nicht, und deshalb sei es Maike auch nicht zuzumuten, sich
länger mit uns abzugeben.
Ich habe sie drei Wochen lang nur zur gesehen, als sie in die Uni gekommen ist und wir uns morgens in der Cafeteria zum Kaffeetanken getroffen haben. Obwohl wir nebenher in der gleichen PR-Agentur arbeiten.
Nur irgendwann ist Markus dann der Kragen geplatzt und er hat Christian mächtig den Marsch geblasen. Will sagen, er hat ihm ordentlich die Meinung gegeigt. Leider war der Erfolg nicht ganz der von ihm erwünschte. Danach war Maike nämlich zwei Tage wie vom Erdboden verschwunden. Und dann stand sie plötzlich bei mir vor der Haustür. Heulend, wimmernd, mit blauem Auge (also jetzt
mit Feilchen, blaue Augen hat sie ja von Geburt an) und überall blauen Flecken, die eigentlich schon eher lila-grün waren. Ich hatte große Mühe, meine Eltern davon zu überzeugen, nicht die Polizei
anzurufen. Nach drei Gläsern Campari (pur!) hat Maike sich dann
endlich etwas beruhigt und mir nach und nach alles erzählt.
Christian sei total ausgerastet nachdem Markus mit ihm geredet hat. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie ihn betrogen und ihn nur ausnutzt
hätte. Die blauen Flecken hätte sie von Christians Schlägen, das blaue Auge kämen vom Turnschuh, den er ihr ins Gesicht geworfen hätte
(?!?!?!?).
Maikes Eltern sind gestorben, als sie vier war. Die Krämers sind damals hergezogen, in unsere Nachbarschaft, und Maike und ich sind dann noch in den gleichen Kindergarten gegangen. Ihr Vater war Ingenieur bei irgend so einer großen Firma, die auch im Ausland baut. Als Maikes Mutter ihn dann mal besucht hat im Ausland, und die beiden zusammen zurückgeflogen sind, ist das Flugzeug ist über der Nordsee abgestürzt und alle Passagiere sind damals ums Leben gekommen. Maike ist dann bei ihrer Großmutter
aufgewachsen, und eigentlich wohnt sie da immer noch. Aber ihr zweites zu Hause ist dann irgendwie Christians Bude geworden. Ihre Oma ist nicht mehr so ganz auf der Höhe (also sie hat irgend so eine
Krankheit, die nur ältere Herrschaften kriegen). Dann ist sie auch nicht so gut zu Fuß und lässt Maike jeden noch so kleinen Weg laufen und sie erzählt den ganzen Tag von ihrer Jugendzeit (obwohl das auch echt spannend sein kann. Außerdem rührt Maikes Oma eine hervorragende Erdbeerbowle zusammen!). Ich an Maikes Stelle wäre aber auch gegangen, schon alleine der Pflegerin wegen, die
jetzt bei der Oma eingezogen ist. Gut, sie hilft ihr ja, aber irgendwie ist das doch schon ein bisschen doof, ständig so eine Krankenschwester im Haus zu haben. Die hat auch ab und zu versucht, Maike irgendwelche Vorschriften zu machen, wie sie ihren
Tagesablauf gestalten soll.
Na ja, auf jeden Fall hatte ich Maike da jetzt also in meinem Zimmer sitzen und wusste nicht, was ich machen sollte. Ins Krankenhaus wollte sie nicht und hätte ich die Polizei angerufen (was ich meinen
Eltern ja verboten hatte) wäre sie wahrscheinlich auf mich losgegangen. Also hab ich die Jungs angerufen. Weil ich erstens
ein Krisengespräch führen wollte und zweitens, weil Kai Sanitäter beim Roten Kreuz ist. Und da entstand übrigens dann irgendwie die
Idee, dass wir alle mal aus Deutschland raus wollten. Aber nicht bloß ins europäische Ausland.
Nein, so richtig weit weg.

Also Indien. Aber nicht als Touristen. Das ist jalangweilig. Es war Kais Idee, dass wir mal herausfinden sollten, wie so ganz normale Leute in
einem anderen Land mit total anderer Kultur leben und arbeiten. Sein Cousin hätte da Verbindungen über so eine Informatikervereinigung. Das könnten wir ja mal ausnutzen.
Und da wären wir nun.
Klar, in der Zwischenzeit ist noch ne Menge passiert, aber wir sind in Indien.
Hier und jetzt.
Und jetzt habe ich gar keine Lust mehr, mir irgendwelche Predigten anzuhören, was ich gemacht habe und was ich nicht gemacht habe in meiner Beziehung.
Also flüchte ich aus dem Bad unter einem Vorwand Richtung Küche und belagere Rajah.
Maike kommt mir nach, aber zum Glück versteht Rajah ohne viele Erklärungen, dass ich keine große Lust auf Diskussionen oder ähnliches habe (warum sind eigentlich nicht alle Männer so? das tut doch bestimmt nicht weh).
Also entscheidet er sich dafür, dass Maike und ich unbedingt sein Leib- und Magengericht kennenlernen müssen. Und er legt sehr viel Wert darauf, dass wir das zum Hause nachkochen können und lässt uns deshalb das Rezept auswendig lernen.
Also: statt Beautytag gibt’s heute kochen mit Rajah. Das ist aber sehr lustig, denn der Junge kann echt gut kochen und das Zeugs ist wirklich sehr lecker, auch wenn ich keine Ahnung habe, was wir da gerade probieren.
Unsere kleine Kochsession artet aus in eine die ganze Familie einbeziehende Küchenorgie.  Maike und ich werden gebeten, mal was typisch deutsches zu kochen. Die Eltern können sich so gar
nichts darunter vorstellen.
Jetzt sind Maike und ich leider nicht gerade die Küchenfeen vor dem Herrn, aber irgendwie gelingt es uns doch, einen Reiseintopf (das ist ja hier wahrscheinlich auch ein total unbekanntes Nahrungsmittel…) auf den Tisch zu bringen, der jetzt zwar nicht authentisch, dafür aber sehr lecker ist.
Wir sitzen den ganzen Abend mit der Familie von Rajah in der Küche und die Eltern versuchen, uns den Hinduismus zu erklären und uns ein Stück indische Philosophie näher zu bringen (ich dachte, die
Religion wird hier nicht ganz so groß geschrieben, aber da hab ich mich getäuscht). Maike ist davon natürlich sofort begeistert, und rennt in unsere Zimmer, um ihren Block zu holen. Damit sie sich
fleißig Notizen machen kann.
Sie ist ja seit einem Semester Studentin der Philosophie. Jawohl, aber irgendwie war das schon immer mehr eine Berufung für sie (und wir dürfen uns dann immer ihre neuen Theorien anhören und ihre philosophischen Ergüsse über uns ergehen lassen, und dass meistens abends in unserer Stammkneipe).
Irgendwann ist es so spät und ich bin so müde, dass ich auf dem Stuhl sitzend einschlafe. Leider weckt mich Maike auf und zerrt mich ins Bett. Mit Umweg übers Badezimmer, denn schließlich könnte ich ja nicht ohne geputzte Zähne ins Bett gehen.

Wir sitzen in dem rostigen Kleinbus von Rhanjids Vater, allerdings ist Priya nicht mit von der Partie. Sie muss ja ihren Laden am Laufen halten. Wir sollen sie aber später da besuchen kommen und ihr genau erzählen, wie mehr oder weniger erfreulich unsere Eltern am Telephon reagiert haben.
Das steht nämlich heute auf dem Tagesplan: Eltern darüber in Kenntnis setzen, dass wir unseren Aufenthalt hier auf drei Wochen ausdehnen.
Wir entscheiden uns gegen die Losmethode, soll heißen: Ich weigere mich dagegen, denn dann hätte ich mit Sicherheit die große Ehre gehabt, als erste in die weit entfernte Heimat zu telephonieren. Also
geht’s nach Alter, der Jüngste fängt an. Viel Spaß, Kai!
Ja, keine Ahnung, wie deine Eltern reagieren. Aber du bist ja wie wir alle volljährig und deshalb kann es ja nur halb so schlimm werden.
Es scheint ewig zu dauern, bis die Verbindung zustande kommt. Aber irgendwann klappt es dann doch, gerade in dem Moment, als Kai entnervt aufgeben will.
Es scheint, als dass Kai gar nicht zum Wort kommt. Er hat wohl seine Mutter erwischt. Tja, nur leider ist die noch nicht dazu bereit, einzusehen, dass ihr kleiner Kai schon längst nicht mehr klein ist und
ganz gut seine eigenen Entscheidungen treffen kann.
Kais Gesichtszüge entgleisen. Und irgendwann sagt er ganz einfach, dass er nicht wie geplant nach zehn  Tagen sondern erst nach drei Wochen zurück kommt. Ich meine ein entsetzten Aufschrei seitens der guten Frau Lübke zu vernehmen, aber ich kann mich natürlich auch täuschen. Kai verabschiedet sich mit einem „Ich melde mich die Tage noch mal“ bei seiner Mutter und wirft entnervt den Telephonhörer auf die Gabel. Ich sehe ihn fragend an und er dreht nur die Augen in Richtung Zimmerdecke.

Äh, tja. Dann wäre ich jetzt wohl an der Reihe.
Also, liebe Eltern, jetzt schaltet mal den Lautsprecher an unserer hypermodernen Telephonanlage ein, damit ihr mich beide verstehen könnt.
Also, meine lieben Freunde haben mich dazu überredet, unseren Aufenthalt in diesem schönen, wenn auch leicht warmen Land auf drei Wochen auszudehnen.
Wie, ich will drei Wochen da unten bleiben?
Ja, drei Wochen.
Aber wie sieht es denn aus mit unseren Visas?
Mutter, das heißt Visa! Ich habe ein Visum, wir alle zusammen haben Visa. Und diese Dinger sind drei Monate gültig.
Ja, ist ja schon gut. Dass ich aber auch immer die
anderen verbessern muss. Also, auch wenn dein Visa (!) drei Monate gültig ist, was ist mit dem Rückflugticket?
Vater, du warst doch selbst mit im Reisebüro. Und erinnere dich doch mal daran, wie begeistert du warst, dass wir uns das Rückflugdatum selbst aussuchen können.
Ach ja, siehste, jetzt erinnerst du dich wieder.
Ja, ich bleibe drei Wochen hier.
Verdammt ja, ich habe genug Unterwäsche zum wechseln. Und ja, ich habe auch genug Hosen und T-Shirts. Und nein, ich brauche hier bestimmt keinen dicken Pulli, im Moment sind es hier ungefähr sechsunddreißig Grad (wohlbemerkt im Schatten). Nein, nicht Fahrenheit! Natürlich Celsius! (Mein Gott, die sind heute
vielleicht schwer von Begriff. Ich möchte mal wissen, wer da wieder auf der Leitung steht. Oder sind die irgendwie auf Droge? Aber wahrscheinlich gab es einfach nicht genug Kaffee…)
Ja, mir geht es gut. Und nein, ich werde bestimmt nicht Marius anrufen. Und es ist mir auch egal, ob der gestern drei mal angerufen hat. Ich will von dem nichts mehr wissen.
Ja, natürlich schicke ich den beiden Omas eine Karte. Und selbstverständlich werde ich nicht vergessen, Tante Annegret eine Geburtstagskarte zu schicken. Ja, gut dann. Tschüsschen. Ja, ich hab euch auch ganz doll lieb. Ja natürlich rufe ich noch mal an. Ja,
Küsschen (verdammt, Mutter! Leg endlich auf!).

Boah! Eltern können vielleicht nervig sein. Aber komisch, dass die beiden gar nicht versucht haben, mir das ganze Unternehmen hier auszureden. Vielleicht werden die zwei so langsam aber sicher jetzt auch erwachsen (lang genug hat’s ja gedauert…).
Ich drehe mich zu den anderen um. Markus kringelt sich vor Lachen und Kai zieht die Mundwinkel von einem Ohr zum anderen. Maike schüttelt den Kopf. Ja, meine Liebe. Jetzt bist du dran. Nein, ich denke
auch, das deine Omi nicht verstehen wird, was du ihr erzählen willst. Aber dennoch solltest du sie anrufen.

Ja, als ihre Verbindung endlich zustande kommt, meldet sich die olle Krankenschwester ihrer Oma. Nein, es sei momentan nicht möglich mit der werten Frau Carsten (die Oma ist die Mutter von Maikes
Mutter, deshalb Carsten) zu sprechen. Wieso nicht?
Wie bitte? Wo ist die?
Ja, die Frau Krüger von nebenan ist mit ihrem Frauenkränzchen drei Tage in die Eifel gefahren und hat Maikes Oma überredet mitzukommen.
Das ist schön, dann erholt sich die Oma mal an der frischen Luft. Vollpension im 4-Sterne-Kurhotel, ja. Ja, aber bitte, was macht denn dann die Pflegerin noch bei der Oma im Haus? Ja, ja. Klar. Irgendeiner muss ja auf die Kakteen im Wintergarten aufpassen,
und die Geranien kann man auch nicht vier Tage allein lassen. Ja, auf Wiederhören.
Maike steht vom Stuhl auf, (mit Lederimitat bezogen, und das bei diesen Temperaturen hier, sind die bescheuert?) schnappt sich ihren Rucksack und rennt aus dem Zimmer. Ich will natürlich sofort hinterher, aber Kai hält mich zurück. Jetzt mischt der sich schon wieder ein, das gibt’s doch nicht! Aber er stellt sich einfach in den Türrahmen, so dass ich mich gezwungen sehe, mein Vorhaben aufzugeben. Also lausche ich Markus bei seinem Telefongespräch. Der ruft natürlich nicht seine Eltern an, sondern seine Perle, ist ja klar. Die kann ja später Markus’ Eltern in Kenntnis setzten. Auch das typische Gesülze am Anfang des Gesprächs ist typisch für Markus, passt aber eigentlich so gar nicht zu diesem Typen. Dann die wichtigste Frage: Wie hat der FC am Wochenende gespielt? Auf welchen Tabellenplatz stehen die denn jetzt? Und hat der HSV die nächste Runde der Champions League erreicht? (der Junge kann nicht mal eine Woche ohne Fußball sein! Das kann er doch bei Bedarf alles im Internet nachlesen… Ach ja, ich habe vergessen, dass der
Junge sich mit solchen komischen Rechenmaschinen nicht so gut versteht…). Dann endlich erzählt Markus seiner Anna-Lena, dass er seinen Aufenthalt hier ausdehnt, auf drei Wochen. Am anderen Ende der Leitung ist wohl ein tiefer Seufzer zu hören, denn Markus fängt auf einmal wieder an mit seinem Süßholzgeraspel (man, das kann einem ja vielleicht auf den Geist gehen).
Und dann ist erst mal Stille.
Anna-Lena scheint Markus irgendwas wichtiges zu erzählen, denn der hält sich das andere Ohr zu, damit er auch alles richtig versteht. Er säuselt noch irgendwas in den Hörer und legt dann auf.
Na, dann ist ja wohl alles geritzt. Keiner hat was dagegen, dass wir bleiben. Und ich bringe Binel dazu, dass er Kai Schläge androht, wenn er mich jetzt nicht augenblicklich aus dem Zimmer lässt. Zum einen, weil ich unbedingt sehen will, was mit Maike ist und zum
anderen, weil ich ganz dringend wo hin muss (ja, natürlich zur Toilette. Wohin denn sonst? Männer!). Ab und zu bin ich schon froh, dass Frauen in gewissen Situationen oft das gleiche tun. Natürlich finde ich Maike auf der Toilette.

Sie hat sich aber schon ausgeweint. Und jetzt regt sie sich nur noch auf, über alles. Über ihre Oma, über deren Pflegerin und über die blöde Nachbarin, und über die Eifel. Aber das vergeht auch wieder.
Als wir wieder alle versammelt sind, heißt es Abfahrt Richtung Bar. Denn Priya will uns ja sofort sehen.
Also Markus, gib Gas.
Ich hänge auf der Fahrt irgendwie in den Seilen. Irgendwie hat mich diese Telephonsession total mitgenommen, obwohl ja erstaunlicher Weise das große Gemecker ausgeblieben ist. Nur Maike tut mir
entsetzlich leid. Ich hab so ein bisschen den Eindruck, dass diese Pflegerin sich bei ihrer Oma ganz schön einnistet. Das ist doch eigentlich nicht normal, oder? Na, ich weiß es nicht. Aber vielleicht
sollte Maike sich nach unserem Urlaub endlich um eine eigene Bude kümmern. Und ich bin mal gespannt, wie oft ich in den nächsten Tage an Marius denken muss. Wahrscheinlich wieder viel zu oft, als das es diese Drecksau verdient hat. Aber was soll ich denn machen?
Dieser Typ war mir mal so wichtig und dann zieht der so was ab. Ich kann das immer noch nicht richtig glauben. Aber ich möchte doch zu gerne mal wissen, wieso der bei mir zu Hause angerufen hat? Was
interessiert den das denn? Na, mir soll’s egal sein, ich will den Menschen so schnell wie möglich vergessen.

Kai sieht auch nicht besonders glücklich aus. Seine Mutter wird wahrscheinlich nie einsehen, dass der kleine Kai, der früher immer den Haustürschlüssel verloren hat, jetzt erwachsen ist und seine Eltern eigentlich gar nicht mehr von seinen Unternehmungen
informieren muss. Zum Glück ist sein Vater da ein bisschen lockerer. Das wäre ja nicht auszuhalten, hätte man zwei von der Sorte seiner Mutter zu Hause rumsitzen, die einem ständig in den Ohren liegt mit
so Sprüchen wie „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …“. Ich an seiner Stelle wäre ja schon längst ausgezogen. Wir sind alle etwas schweigsam, was sehr sonderbar ist. Denn eigentlich ist Markus fast nie dazu in der Lage, mal zwei Minuten seine Klappe zu halten.

Wir erreichen Priyas Schuppen und staunen nicht schlecht. Also, was so ein bisschen Farbe in einer so trostlosen Gegend ausmachen kann.
Drinnen ist nichts los, was auf Grund der Uhrzeit wahrscheinlich auch nicht allzu verwunderlich ist (aber das ist ein schuppen, das sag ich euch: alles in grün gestrichen, mit rot-gold abgesetzt und kein
direktes Licht. Und das Beste: Flokati-Teppich!). Als Priya uns sieht, will sie sofort alles wissen. Wie haben unsere Eltern reagiert? Was haben sie gesagt? Wie war die Telephonverbindung? Wie finden wir die Uni?
Wir erzählen ihr alles, so nach und nach. Priya regt sich ein bisschen über das Verhalten von Kais Eltern auf (für meinen Geschmack regt sie sich ein bisschen viel auf…). Nur Markus sitz da mit einem Gesicht
wie, ja wie beschreibt man so ein Gesicht? Am besten gar nicht.
Kai macht einen auf dicken Kumpel und setzt sich neben ihn. Aber so krampfhaft er auch versucht, etwas aus ihm heraus zubekommen, es gelingt ihm nicht.
Stattdessen fragt Markus Priya nach irgend einem „harten Zeugs“. Priya stellt Markus eine Flasche nebst Glas vors Gesicht und wendet sich wieder ihrem Bruder zu.
Wir sind alle geschockt, als Markus das Glas fast voll gießt und auf Ex leert. Der Junge hat doch meines Wissens nach das letzte Mal Alkohol getrunken als er 16 war, und jetzt ist er 23! Das verträgt er doch gar nicht!
Kai will endlich wissen, was los ist, aber Markus befreit sich aus seinem Griff. Er steht von seinem Barhocker auf und geht drei Schritte Richtung Tür.

Erst als er sich wieder umdreht, merke ich, dass „unserem Großen“ Tränen übers Gesicht kullern. Hey, was ist los? Jetzt sag schon endlich, Mann!
Markus schüttelt den Kopf und heult noch mehr. Gott, was ist denn da passiert? Da wird doch wohl nicht irgendeiner gestorben sein? Dann würde ich aber darauf bestehen, dass wir zurückfliegen.
Kai holt den Jungen zurück und setzt ihn auf einen normalen Stuhl. Irgendwie hat das hier so eine Westernstimmung, wie in diesem komischen Wildwestfilm, na, ach ja „Once upon a time in the
west“. Wir hängen alle wie gespannt an Markus’ Lippen.
Dann sagt er was, auf deutsch (wir haben uns hier angewöhnt, den ganzen Tag englisch zu sprechen). Priya und Rhanjid verstehen natürlich kein Wort, und bestürmen uns mit Fragen, weil sie wissen wollen, was denn nun los ist.
Tja, „unser Großer“ wird Papa! Das ist los!
Kai lässt sich auf seinen Stuhl fallen und kippt ebenfalls ein Glas auf Ex. Er schüttelt den Kopf und sagt, dass er sich doch so schlecht als Patenonkel eignet. Maike und ich tanzen ausgelassen um Markus
herum und lassen Namensratschläge auf ihn einprasseln. Priya kommt mit einer Flasche auf uns zu. Wahrscheinlich Sekt oder so was. Den Rest des Tages bleiben wir bei Priya in der Bar. Wir feiern ausgelassen, und die Stimmung hier ist echt gut. Irgendwann sind wir recht müde und schleppen uns zum Auto. Markus muss fahren, weil er am wenigsten von uns getrunken hat (der Junge verträgt ja aber auch wirklich nichts!).
Wir sind kaum vom Hof der Bar runter, werden wir angehalten. Rhanjid murmelt etwas von Polizei. Was ich allerdings nicht glauben will, denn dieses Leute sehen nicht aus wie Polizei.
Na ja, sie sind es aber doch und uns wird keine andere Möglichkeit gegeben, als das Auto stehen zu lassen und zu laufen. Was, laut Rhanjid wohl die geringste Strafe ist, die hätten uns ja auch
mitnehmen können…
So, jetzt stehen wir aber hier, zu fünft und haben einen Fußmarsch quer durch die Stadt vor uns. Aber weil Maike und ich so schön auf Stur schalten, gehen wir erst mal zurück zu Priya.
Die wundert sich nicht, uns schon wieder zu sehen, und lacht herzlich, als Rhanjid ihr die Geschichte erzählt. Ach, das ist hier schon öfter passiert? Ja klar.
Was wir davon halten, hinten in den Garderoben zu übernachten? Klar, finde ich gut.
Kai will allerdings nur einwilligen, wenn die kleine schwarzhaarige von vorhin ihn in den Schlaf singt. Der Junge hat eindeutig zu viel getrunken (ich entsinne mich, dass er sonst jedem blonden Wesen
nachpfeift). Also bleiben wir hier. Das kann ja lustig werden, wir
alle in einem Zimmer. Hoffentlich hat Markus mittlerweile das Schnarchen verlernt.
Wir sind alle ziemlich müde, also wird hier auch nicht mehr lange rumerzählt, weil wir alle unsere Augenlider von innen angucken.

Mitten in der Nacht werde ich wach, weil mich irgendwas stört.
Ah ja.
Ich schiebe Kais Kopf von meinem Bauch (man, der Junge hat sich schon im Flugzeug so breit gemacht, dass ich kaum Platz hatte, und jetzt benutzt der mich auch noch als Kopfkissen) und suche nach der
Lärmquelle, auf die ich jetzt aufmerksam werde. Erst verdächtige ich Kai, der sich jetzt an Rhanjid kuschelt, aber der gibt keinen Laut von sich. Bei Rhanjid habe ich zwischendurch die Befürchtung, das er gar nicht mehr atmet, aber dem ist dann doch nicht so. Maike und Priya schlummern Seite an Seite ganz ruhig atmend. Dann bleibt ja nur noch Markus (klar, hätte ich mit ja denken können). Ich höre ihm eine Weile zu, weil ich das recht interessant find, was der Junge so alles drauf hat. Das fängt mit Darth Vader an (was ich recht lustig finde, denn jetzt muss ich immer an Markus und seine Schnarchgewohnheiten denken, wenn ich Star Wars sehe). Weiter geht’s mit einem komischen Stottern, dass mich sehr an den alten VW-Käfer meiner Tante erinnert, als der langsam dabei war, den Geist
aufzugeben. Irgendwann habe ich das Gefühl, in einem Sägewerk im Dortmunder Hafen zu sitzen. Jetzt ist es endgültig vorbei mit schlafen. Der Meinung scheint auch Kai zu sein, denn der strampelt sich gerade fluchend aus seiner Decke frei (he, der hat ja einen
süßen Hintern in den gestreiften Boxershorts).
Nein, Kai. du hast das nicht geträumt. Markus hat wirklich kein Mitleid mit uns, aber die anderen lassen sich nicht davon stören und schlafen einfach weiter. Dabei haben Kai und ich mehr getrunken als
der Rest (und somit ein Recht auf unseren Schlaf). Wir schleichen uns leise in die kleine Küche und suchen alles zum Teekochen zusammen. Dann setzten wir uns zusammen auf die Eckbank und kuscheln uns unter eine Decke, denn es ist doch recht kühl hier. Nach drei Tassen Tee bin ich wieder müde. Mein Kopf sink im Halbschlaf auf Kais Schulter und dann schlafe ich
wieder ein. Irgendwann werde ich dann wieder wach, weil es laut
wird. Markus macht sich lustig über mich, weil ich so komisch auf dieser Bank sitze. Warum ich nicht drüben bei den anderen gepennt habe?
Weil du, mein Großer, mit aller Macht versucht hast, mich davon anzuhalten, meine wohlverdiente Augenpflege zu betreiben.
Wieso? Weil du geschnarcht hast wie ein Sägewerk. Nein, natürlich nicht. Du schnarchst nicht, sonst wärst du mit Sicherheit auch selbst davon wachgeworden, klar.
Dann beschwert er sich bei Kai und Maike, dass ich schon wieder so über ihn rede, aber heute trifft er bei Kai auf taube Ohren und Maike ist auch nicht in der Stimmung, sich Markus’ Gejammerte anzuhören.
Ich sehe auf die Uhr und wundere mich. Nicht schlecht, es ist schon fast Mittag. Ich überlege, ob ich weiter Tee trinken soll oder ob ich da
weitermache, wo ich gestern abend aufgehört habe. Aber ich stelle mich den Kopfschmerzen und suche die frische Luft.

Als ich draußen auf dem Parkplatz stehe, hält mir von hinten jemand die Augen zu. Ich, die solche Späße nicht wirklich ausstehen kann, werde etwas rabiat, weil ich denke, dass muss entweder Kai oder Markus sein.
Falsch.
Es ist Binel.
Wo kommt der denn jetzt her?
Ach so, Priya hat ihn angerufen.
Klar, ich hab auf jeden Fall Lust dazu, mich durch die Gegend fahren zu lassen und mir ein bisschen von diesem Land anzugucken (wieso kann der am frühen Morgen so gut aussehen?). Wir gehen zusammen rein und Priya schlägt vor, dass wir Damen ein Sonnenbad verdient hätten. Oh, bitte. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Vielleicht bring die Sonne mich wieder in Schwung. Wohin fahren wir denn dann?

Keine Ahnung, wo wir sind. Ich habe (mal wieder) die Fahrt verpennt. Aber irgendwie bin ich total fertig. Aber so wie’s aussieht, ist das dahinten der indische Ozean (gibt es noch ein anderes Meer in Indien von dem ich nichts weiß?).
Und anscheinend ist es auch schon drei Uhr nachmittags. Wir sind die ganze Zeit durchgefahren, und ich hab geschlafen. Toll!
Und Rajah, bei dem Maike und ich untergekommen sind, ist auch dabei. Das war ja klar. Markus krallt sich Maike, die ihm gefälligst den
Rücken einkremen soll. Rhanjid hat ja Rajah dafür und Priya belagert Kai. Danke, meine Damen.
Aber irgendwer muss mich ja einschmieren, denn auf Sonnenbrand habe ich keinen Nerv. Hm, der Junge macht das gar nicht so schlecht.
Inklusive Massage, dass ist doch mal echt entspannend. Au, bitte nicht so grob. Und etwas höher bitte. Man, wer hätte gedacht, dass der Junge solche Qualitäten hat?
Maike und Priya grinsen mich an, als mich Binel auf die Beine zieht und mit mir an der Hand in Richtun Wasser rennt. Markus schüttelt den Kopf und brummt irgendwas von „Kinderkram“, Rhanjid und Rajah sind beschäftig, miteinander natürlich. Und Kai dreht mir
demonstrativ den Rücken zu. Was hat der denn jetzt?
Mir soll’s egal sein, ich habe Spaß daran, mich mit Binel im Wasser zu vergnügen. Und da kann ich doch jetzt wohl mal gnadenlos
egoistisch sein. Marius hat mir so zugesetzt, dass ich mich in den letzten 3 Wochen vor unserem Urlaub hier total verkrochen habe. Ich war nicht mehr so oft weg mit den anderen. Ich bin nach der Uni direkt zur Arbeit, und danach direkt nach Hause. Da habe ich dann
stundenlang gesessen, bis ich gezwungen war, mir ein neues Tagebuch zuzulegen. Da musste ich ja wohl oder übel mal vor die Tür. Und es konnte ja nicht anders sein, als dass ich Silke über den Weg laufe, die mir dann auch noch fröhlich erzählt hat, dass sie Marius umwerfend findet und mit ihm den besten Sex ihres Lebens hätte (mein Gott, das Kind ist 19). Irgendwann kam dann natürlich Marius um die Ecke und ich bin dann ganz schnell geflüchtet. Das hab ic echt gebraucht. Zu Hause gab’s dann wieder Heulorgien en gros.
Also gebe ich mich jetzt ganz meinen Sommergefühlen hin und amüsiere mich mit Binel. Und so langsam finde ich den Jungen echt nett, süß ist der ja sowieso. Wir plantschen vergnügt im Wasser, tauchen Hand in Hand. Aber ich weigere mich, ihn zu küssen (zumindest jetzt noch, mal sehen, was der Tag noch so mit sich
bringt…). Irgendwann habe ich dann genug vom Wasser und ich verziehe mich wieder auf meine Badematte. Binel schäkert ein bisschen mit Priya und Maike, Rhanjid und Rajah lachen über irgendeinen von Markus’ Witzen und Kai scheint zu schlafen. Ich lege mich auf die Matte und warte auf Binel, dass er mir den Rücken
einkremt. Ich genieße das hier in vollen Zügen.
Maike kommt zu mir und erzählt mir, dass mir ein Urlaubsflirt zwar nicht gut zu Gesicht stünde, aber ich ihn trotzdem ausnutzen sollte. Wer weiß, wann man wieder die Möglichkeit dazu hat.
Und Recht hat sie.
Außerdem ist das moralisch absolut vertretbar, weil ich ja zu Hause keinen mehr sitzen habe, der auf mich wartet und eifersüchtig sein könnte. Also, hinein ins Abenteuer!
Wir verbringen ungefähr drei Stunden am Strand, dann geht’s heimwärts. Wir wollen ja heute abend noch mal in diese „Disco“. Ich sitze ganz hinten, neben Binel. Markus fährt wieder; Kai hat sich auf den Beifahrersitz fallen lassen und schaut demonstrativ aus dem Fenster. Mann, der Junge hat echt schlechte Laune.
Als wir zu Hause sind, ziehen wir uns um, weil man ja zum Tanzen schließlich nicht in diesen komischen weiten Strandhosen gehen kann. Maike und ich bekommen großes Lob, von jedem. Nur Kai
und Markus halten sich etwas bedeckt, was das angeht. Männer eben. Und ich glaube, heute habe ich nichts dagegen, mit
Binel zu tanzen. Auch wenn’s wieder ein Klammerblues
wird. Priya und Maike ermuntern mich sogar dazu, und gegen
solchen Einfluss kann ich mich schlecht wehren. Außerdem müsste ich mir dann nachher von Maike anhören, dass man solche Gelegenheiten nicht einfach verstreichen lässt.
Und diesmal bin ich es, die Binel tanzend in Richtung
Toiletten schiebt.
Auf dem Weg dahin fällt mein Blick auf Markus und Kai, die sich mit diesem Barkeeper von neulich unterhalten. Ich bin etwas entsetzt, als ich sehe, dass Kai eine Zigarette in der Hand hat und daran auch noch zieht! Der ist doch eigentlich gegen jede Art von Drogen,
Alkohol ausgenommen Na, ich glaube, dazu werde ich ihm das ein oder andere erzählen. Erst hält er mir immer eine Standpauke, wie sehr diese „dämlichen Glimmstängel“ meinen Lungen schaden, und jetzt sitzt er selber da und qualmt (eines seiner Lieblingshobbies: Katja daran erinnern, wie schädlich Zigaretten denn sein können: dieses ganze Nikotin und dann der Teer…blablabla!). Und Markus auch? Ich dachte eigentlich, dass der sich das abgewöhnt hat.
Aber mal ehrlich, sollte mir das nicht eigentlich ganz egal sein?
Schon, aber dennoch lasse ich Binel einen Moment stehen und quetsche mich zu den beiden durch. Ich grüße den Menschen hinter der Bar freundlich und grinse Markus und Kai an. Dann frage ich Kai, was das mit den Zigaretten sol.
Und was bekomme ich zu hören?
Ich solle mich nicht einmischen! Das gehe mich überhaupt nichts an, mit was er sich seine Gesundheit ruiniere!
Hallo? Was soll das denn jetzt? Man kann mir ja alles sagen, solange der Tonfall stimmt. Und der stimmt hier nun ganz und gar nicht.
Aber gut. Ich werde dann in Zukunft meine Klappe halten und mich eben nicht mehr einmischen. Aber dann soll er bitte nicht angekrochen kommen. Dann fragt Kai mich, ob ich nichts anderes zu tun hätte, als ihm hier moralisch auf die Nerven zu gehen.
Also, jetzt reicht’s. Ich habe zwar nicht die leiseste Ahnung, warum der Typ so derart schlecht gelaunt ist, aber bitte.
Und ja, ich habe was besseres zu tun, als mich hier dämlich runtermachen zulassen. Mit einem vernichtenden Blick, der zwar für Kai bestimmt ist, aber eher den Barkeeper trifft, drehe ich mich um und verschwinde an die frische Luft. Binel kommt mir hinterher und fragt, was los ist. Ich erzähle ihm alles und er meint auch, dass ich mir das nicht gefallen lassen sollte. Das hätte ich nämlich gar nicht nötig und verdient schon mal gar nicht.
Und dann erinnere ich mich, was ich eigentlich vorhatte, bevor mir Kai und die Zigarette aufgefallen sind.
Und genau da machen Binel und ich jetzt weiter (ja, natürlich knutschen, was macht man wohl sonst in einer dunklen Hausecke?)
Irgendwann lässt mich Binel dann los, aber eher widerwillig. Rhanjid klopft ihm auf die Schulter und sagt etwas. Verstehen allerdings kann ich das nicht, weil die beiden nicht englisch miteinander reden
(Hindi, Drawidisch, Tamil, Bengali, whatever). Aber es scheint Zeit fürs Bett zu sein, denn Binel guckt auf meine Armbanduhr und verzieht das Gesicht. Also quetschen wir uns wieder in den Kleinbus. Ich
freue mich, dass Binel auch mitfährt, dann kann ich wenigstens noch ein bisschen kuscheln.
Heute schlafen wir dann mal wieder in unseren uns zugeteilten Behausungen. Und morgen soll’s dann mal wieder ein bisschen ernster zugehen. Wir (dass heißt die anderen, ich war heute abend ja
beschäftigt) haben noch ein paar Leute aus der Uni kennengelernt und einer von denen hat Maike besonders gefallen. Und ihm gefiel Maike wohl auch ganz gut, jedenfalls haben die beiden den ganzen abend miteinander getanzt.
Ich bin ganz schön müde, ich hatte ja eine aufregenden Tag. Erst wird man geschockt durch anderer Leute Schnarchen, dann schwimmen und dann tanzen. Im übrigen, Binel ist ein sehr guter
Küsser…
Jedenfalls habe ich nichts dagegen, schnellstmöglich mein Bett aufzusuchen. Aber wie dem so ist, geht mir Kais Verhalten nicht
aus dem Kopf. Ich versuche krampfhaft, an etwas anderes zu denken, aber das will mir partout nicht gelingen.

Ich weiß aber auch nicht, was den Jungen gestochen hat.
Jetzt mal wirklich: was ist mit dem los? Der redet mit jedem, nur mich lässt er links liegen. Warum? Keine Ahnung, er sagt ja nichts!
Warum sagt er nichts? Weiß ich nicht. Er redet ja nicht mit mir, die alte Diva!
Maike weiß angeblich auch nichts und Markus wird mir bestimmt nichts erzählen, sollte er was wissen. Ich bin nur froh, dass morgen jeder mal einen Tag alleine gestalten wird. Da hab ich endlich mal Ruhe vor den anderen und ihren nervigen Blicken. Ich werde das gleich machen, was ich heute auch gemacht habe… und ich denke, dass ich ein Recht darauf habe. Sollen die anderen doch labern was sie wollen, denn es zählt doch nur, dass ich weiß worauf es ankommt und dass ich einmal an mich denke. Kai kann von mir aus bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und garantiert werde ich ihm nicht hinterher rennen und ihm irgendeine Erklärung aus den Rippen leiern. Ich werde ganz einfach so normal wie möglich mit ihm umgehen. Wenn sich dazu die Gelegenheit bietet. Aber wie ich ihn kenne, wird er mir aus dem Weg gehen, wo es geht.

Binel fährt mit mir in die Uni.
Ich will endlich mal wieder mal meine Mails lesen, denn schließlich muss man ja wissen, was zu Hause auch abgeht. Wir fahren mit dem Zug. Obwohl ich mir fast sicher bin, dass dieses Exemplar von Eisenbahn in Deutschland schon längst verschrottet worden wäre…
Aber wir kommen dann doch irgendwann heil an (ich glaube, ich bin noch nie so schnell aus einem Zug ausgestiegen… bei meinem Glück wäre in Kürze die ganze Bahn über mir zusammengebrochen oder so). Wir müssen noch ein Stückchen laufen, wir kommen irgendwie auf der falschen Seite vom Bahnhof raus und haben uns schon fast verlaufen, als uns Maike und Markus von hinten überfallen.
Hmpf, eigentlich wollte ich ja mit Binel alleine, aber na gut.
Ach, ihr wollt gar nicht in die Uni? Was wollen die  denn dann hier?
Ja, jetzt doch Uni? Aber nur kurz. Dann ist ja gut. Ich vermeide es zu fragen, aber Markus erzählt mir von ganz alleine, dass Kai mit Migräne und sehr schlechter Laune zu Hause geblieben ist.
Danke, dass war’s. Jetzt habe ich schon wieder keine Lust mehr. Wieso erzählt der mir das? Damit ich ein schlechtes Gewissen bekomme? Ja? Danke, Markus, das hast du erreicht. Hätte mich das ernsthaft interessiert, hätte ich gefragt.
Nur wie werde ich die beiden jetzt los? Am besten die drei. Denn eigentlich will ich jetzt am liebsten alleine sein. Maike und Markus haben es dann doch irgendwie eilig. Ach so, die beiden wolle schnell wieder zurück, sich um Kai kümmern. Na, dann will ich sie mal nicht
aufhalten. Binel sieht mich etwas verlegen an. Nein, ich will nicht wissen, warum er mir heute morgen nichts davon erzählt hat, dass Kai zu Hause geblieben ist. Ich habe Maike ja auch nicht gefragt, was sie heute vor hat.
Meine Laune wird mit jedem Wort seitens Binel schlechter, und anscheinend merkt er das. Sein Glück, denn damit bringt er sich außer Schussweite vor einem möglichen Tobsuchtsanfall meinerseits.
Er schlägt das Einkaufzentrum vor. Damit ich mich erst mal abreagieren kann. Gute Idee. Ich brauche dringendst einen Kaffee.
Aber Kaffee ist nicht immer gleich Kaffee. Das hier ist mehr gefärbtes Spülwasser, mit einem Schuss Koffein. Schmecken tut er jedenfalls nicht und meine Laune wird noch schlechter. Mich zieht es in den nächsten Plattenladen, ich brauche jetzt mal irgendwas aggressives auf die Ohren. Nur leider landen wir genau in dem Plattenladen, in
dem Binels Bruder arbeitet und es riecht nach Ärger. Denn offensichtlich macht sich der Herr Zwillingsbruder gerade sehr über mich lustig. Ich verstehe ihn zwar nicht, aber sein komisches Grinsen
sagt mir alles. So langsam reicht es mir heute. Binel hat wohl auch genug von seinem Bruder und lots mich aus dem Laden.
Dann höre ich (mal wieder) eine Kaskade an Schimpfwörtern, aber keine Antwort darauf, warum Peter denn jetzt so ein verdammtes Arschloch ist. Ich will jetzt nur noch weg hier.

Und wenn ich laufen muss, ist mir egal. Wir machen dann doch noch einen Abstecher in die Uni, denn wenn wir schon mal hier sind…
Und da telephoniere ich dann auch noch mal mit meinen Eltern, denn in meinem Postkasten findet sich nicht eine Mail, die mir nicht reißfeste Kondome für Latexallergiker und Viagrahpillen verkaufen will. Aber bei meinen Eltern schaltet sich nur der Anrufbeantworter ein (warum heißt das Teil eigentlich nicht Arufentgegennehmer? Antworten tut es mir nämlich nicht.) und ich erinnere meine Eltern zum 765367. Male daran, sie möchten doch so langsam aber sicher mal die Ansage ändern, denn die Familie Weber wohnt seit mittlerweile dreieinhalb Jahren nicht mehr vollzählig unter einem Dach.
Binel will wissen, was ich meinen Eltern erzählt habe, aber der Junge weiß nicht, was ein Anrufbeantworter ist und ich habe keine Lust, ihm das zu erklären. Also machen wir uns wieder auf den Weg zum Bahnhof und erwischen doch tatsächlich noch den Zug (hust,
hust). Während der Fahrt wünsche ich mir das ein oder andere
Mal, ich hätte meine Meinung in Sachen Verlängerung durchgesetzt, dann wäre ich jetzt schon fast auf dem Weg nach Hause.
Auf der Zugfahrt verkrache ich mich auch noch mit meinem ach so tollen Begleiter. Weil ich mich gegen seine Tagesplanung sträube. Aber ich habe entschieden was dagegen, schon wieder mal bevormundet zu werden. Der hätte mich ja mal fragen können, wozu ich Lust habe.

Binel bringt mich noch bis zur Wohnungstür und verabschiedet sich dann ganz schnell. Beim Weggehen murmelt er irgendwas, was ich nicht verstehe. Aber freundlich hat sich das nicht angehört…
Oben warten Maike und Markus auf mich. Kein Rajah und kein Rhanjid weit und breit zu sehen.
Und wo ist Kai? Noch im Bett?
Auf dem Weg nach Hause.
Was, was, waaaas?
Der sitzt im Flugzeug? Wie jetzt?
Kann mir das bitte einer erklären?
Nein.
Ja, wie nein?
Toll, er hat euch nicht Beschied gesagt. Nur Rhanjid und Priya. Ja, er musste ja irgendwie zum Flughafen kommen. Von wegen Migräne.
Ich bekomme schlagartig Kopfschmerzen, mein Magen dreht sich um und mir zieht es die Beine weg. Zum Glück steht hinter mir das Bett.
Wieso fliegt der denn einfach nach Hause? Der kann mich doch hier nicht allein lassen! Und wieso weiß der überhaupt, dass heute eine Maschine Richtung Heimat fliegt?
Ach ja, der Flugplan.
Der Flugplan!

Ich fahre hoch und verlange, eben diesen Flugplan zu
sehen. Wieso geht das nicht? Kai hat den mitgenommen?
Das wird ja immer besser…
Wenn ich nur wüsste, warum der Junge einfach so geflogen ist… Aber ich habe keine Ahnung. Und diesmal glaub ich Maike und Markus, denn so wie die beiden da mir gegenüber sitzen, wussten die auch
nichts von Kais Vorhaben. Den Abend verbringen wir in Priyas Bar und lassen uns (wenigstens halbwegs) volllaufen. Ich bin richtig fertig. Haut der Junge einfach so ab…

Wie ich in mein Bett gekommen bin, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie ich wieder rausgekommen bin. Nämlich gerollt.
Jetzt liege ich hier, weiß nicht wieso, und muss megadringend auf die Toilette. Aber es scheint eine Ewigkeit zu dauern bis ich mich aus meiner Bettdecke freigetrampelt habe.
Ich renne fast zur Toilette, stolpere dabei auch noch fast über irgendwas, und habe dann endlich mein Ziel erreicht. Puh!
Wie sieht denn mein Spiegelbild aus? Total verheult!
Wieso…?
Jetzt fällt es mir wieder ein. Kai ist ja abgehauen, einfach so. Und jetzt bekommt die Person, die mir die ganze Zeit im Traum erschienen ist auch ein Gesicht. Kai Lübke, weißt du eigentlich, was du mir da angetan hast? Auf dem Weg zurück ins Bett identifiziere ich die Stolperfalle als Markus. Und, oh Wunder, er schnarcht nicht! Aber ich merke schon, dass ich nicht mehr schlafen kann, also zieh ich mir was warmes an (jawohl, was warmes, immerhin ist es erst halb vier morgens und auch hier kann es etwas kühler sein) und verziehe mich mit meiner Decke in die Dann fang ich wieder an zu denken (ja, das kann ich!). Seeleninnerstes erforschen oder doch lieber nicht, weil ich eigentlich ja eh weiß, auf was oder besser wen ich da treffen werde?
Aber zum Glück überfällt mich Morpheus dich noch mal und zeigt mir zwei Pillen. Auf der roten steht Binel und auf der blauen…

Toll, danke fürs Wecken, Maike!
Gerade wollte dieser schöne Unbekannt in meinem Traum sein Gesicht zeigen…hmpf.
Aber ich merke, dass meine Laune deutlich besser is als gestern.
Wieso sitze ich überhaupt im Nachtpolter hier in der Küche herum? Ach ja, da war ja was.
Kai, der Blödmann und seine „Ich-flieg-heute-nachhause“- Spontan-Aktion. Aber das ist mir jetzt erst mal wieder egal. Ich bin bereit für neue Schandtaten. Irgendwie ist es jetzt doch schon wieder Mittag. Ich sollte echt mal üben, nicht immer so viel Zeit zu vertrödeln mit anziehen und so. Markus stimmt mir voll und ganz zu und hält gleich
darauf wieder einen seiner berühmt-berüchtigten Vorträge. Wie sehr lassen sich Menschen doch durch ihr Umfeld beeinflussen und wieso legen Menschen so viel Wert auf ihr Äußeres, wo doch eigentlich egal
ist, was man an hat.
Klar, Markus. Hauptsache ist ja, ich hab was an. Aber es darf doch bitte sauber sein und vielleicht muss mein Shirt nicht ganz so sehr riechen wie deines!
Wieso riechen? Ach, das ist dein männlich-markanter
Geruch. Ja nee, ist klar. Den brauchst du, um dein Revier abzustecken. Sicher.
In dem Moment kommt Maike durch die Tür. Als sie an Markus vorbeigeht, rümpft sie stark die Nase und fragt, warum wir die saure Milch nicht schon längst weggeschüttet haben.
Maike, das ist nicht die Milch.
Nicht? Dann ist das also doch Markus?
Endlich hat der Junge es kapiert und trollt sich. Er überredet Rhanjid, mit ihm zu Binel zu fahren, weil ja schließlich bei dem seine Klamotten lagern. Hey, ich will auch mit!
Nein, ich kann nicht warten bis heute Nachmittag. Ich muss mich ja wenigstens entschuldigen, so wie ich gestern mit dem Jungen umgesprungen bin.
Na gut, aber dann kommt sofort zurück.
Und vergesst ihn ja nicht! Sonst gibt’s Ärger…
Leider habe ich vergessen, dass Maike ja auch mit im
Raum ist. Markus und Rhanjid sind noch nicht ganz zur Tür raus,
da werde ich auch schon mit fragen bestürmt. Nein, ich bin nicht in Binel verliebt. Darum nicht. Klar macht mir das Spaß, sonst würde ich ja auch kaum meine Zeit mit ihm verbringen. Och, Maike! Nein, ich
mach keinen Scheiß! Komm, lass gut sein. Wir sind ja keine Kinder mehr, ne?
Ach, du meinst nur… Ja, klar hab ich es verdient, mich zu amüsieren nach der Sache mit Marius. Aber, Maike, war da nicht neulich so ein Typ aus der Uni, der dir den ganzen Abend nachgedackelt ist und du dich wenig bist gar nicht gewehrt hast ihn loszuwerden?
Ja, ja. Nur geflirtet. Ich sag doch gar nichts. Ich stelle lediglich fest,
dass du auch nicht ohne Hintergedanken an diese Disco denkst.
Und jetzt sollten wir uns ein bisschen nützlich machen. Ja, abwaschen und aufräumen uns all so was.

Wir sind hier zu Besuch und wollen doch nicht den schlechtesten Eindruck hinterlassen, oder? Also räumen wir ein bisschen auf, nur so zum Zeitvertreib, während wir auf die Jungs warten.
Ja, ich werde Rhanjid fragen, ob wir heute noch mal in diese Disco gehen können.
Jaha, ich werde ihn auch fragen, ob er diesen Typen
wieder mitbringt.
JA! Jetzt sei endlich ruhig!
In dem Moment geht die Tür auf und die Jungs stehen im Zimmer.
Warum ich Maike denn so anfahre? Weil das Kind zu unselbstständig ist, Rhanjid zu fragen, ob sie diesen Typen von neulich wiedersehen
kann. Am besten heute abend in dieser Disco. Ach, das ist ja interessant. Der hat auch schon nach Maike gefragt? Ja, nicht dass Maike sich noch in den Kerl verliebt. Wir fliegen ja bald nach Hause.
Na, hör mal Markus. Jetzt lass uns doch den Spaß! Schließlich hatten wir nicht so ganz viel Glück in der letzten Zeit mit unseren Beziehungen wie du.
Binel und ich verziehen uns kurz in mein Zimmer. Ich erkläre ihm, wieso ich gestern so mies drauf war und überraschender Weise ist er überhaupt nicht sauer oder so.
Haben die Jungs da etwa Vorarbeit geleistet?
Ich frage Rhanjid und er druckst so ein bisschen rum. Aber ja, Markus hat Binel erklärt, was los ist. Dass ich und Kai uns schon ewig kennen und sehr eng befreundet sind und dass mir Streit und so immer sehr aufs Gemüt schlägt.
Puh, dann ist ja gut.

Ähm, wo gerade der Name fällt… hat Kai eigentlich gestern noch was gesagt am Flughafen? Oder ist er einfach in die Maschine gestiegen?
Was?
Wieso hat der denn geheult? Wie, nicht richtig?
Ach so, du meinst, er hat krampfhaft versucht, die Tränen zu unterdrücken. Aber du hast ne Antenne für so was. Ja ja.
Also, wie sieht’s aus? Mit Disco, meine ich.
Gut, dann freu ich mich darauf.
Es klopft an der Tür. Binel öffnet und draußen steht Priya.
Wirkt etwas abgehetzt, die Gute.
Wie jetzt, du brauchst unsere Hilfe?
Gerne, aber wobei denn?
Ja ja. Das sagtest du schon. Wir helfen dir auch gerne, aber sag uns doch erst mal, wobei wir dir helfen sollen.
Tanzen?
Wie tanzen?
Ja, heute ist Wochenende. Das wissen wir. Wir wollten auch heute abend…
Wie bitte?
Wir sollen bei dir tanzen?
Du meinst, in deiner Bar?
Auf Tischen und an so komischen Feuerwehrstangen?
Ich glaub’s ja wohl!
Markus, verdammt! Hör auf dich darüber lustig zu machen! Denk dir mal, jemand würde deine Anna-Lena so was fragen, da sähe deine Reaktion doch mit Sicherheit ganz anders aus…
Also, Priya. Jetzt erklär das doch mal genau. Wenn wir uns schon zum Affen machen sollen, dann will ich wenigstens wissen, wieso.
Zwei Tänzerinnen ist krank.
Klar, kann ja passieren. Ach so, und eine hat ausgerechnet heute frei. Und dann sollen jetzt Maike und ich…?
Nein, ich kann nicht tanzen!
Du hast mich doch in dieser Disco gesehen, das war ja mehr als peinlich (außer Klammerblues sieht’s mit meinen tänzerischen Fähigkeiten nicht sehr rosig aus).
Maike allerdings scheint irgendwie angetan von der Idee, sich an so einer Stange zu räkeln.
Ich glaub’s kaum, aber Maike will das tatsächlich machen! Und die soll mir noch mal einreden, ich sei anfällig für Abenteuer…
Sie fragt Priya auch direkt, woher sie die Klamotten für so was kriegt und wie weit sie sich ausziehen muss. Aha, sie hat also doch noch irgendwo eine Schmerzgrenze.
Priya ist ihr sehr dankbar, aber sie redet weiter auf mich ein.
In einem Anfall geistiger Umnachtung überkommt mich wieder meine soziale Seite und ich biete ihr an, mich gegebenenfalls hinter die Bar zu stellen.
Hinter die Bar! Ja, von mir aus tausche ich auch meine Jeans gegen so einen komischen Fummel. Aber ich werde nicht tanzen!
Und ausziehen werde ich mich schon gar nicht!
Aber wer soll denn dann…?

Ja, Fräulein! Jetzt guck mal in den Spiegel. Kannst du das nicht vielleicht selbst am besten? Ja, du! Jetzt sei nicht so entsetzt!
Von mir erwartest du, dass ich mich zum Affen mache, aber selber willst du nicht auf den Tisch klettern… Aber wenn der Rubel rollen soll, muss man sich auch schon mal selbst opfern. Also, mehr ist nicht drin. Ja, ich weiß, dass ich recht habe (endlich sieht sie
das ein). Priya schiebt Maike und mich dann auch sofort aus der
Wohnung. Wir müssen ja schließlich was passendes für uns zum anziehen finden und ein bisschen laufen üben.
Ach ja? Ich wusste nicht, dass ich an meinem Gang was ändern muss. Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert.
Ja, in Jeans und so komischen Tretern, die ich als Turnschuhe bezeichne… Da kann man ja auch nichts erwarten.
Die Jungs grinsen von einem Ohr zum anderen, und ich denke, dass die vier heute abend nicht aus der Bar wegzukriegen sind.

Das Teil zieh ich nicht an!
Ich habe nichts gegen dieses Top und den doch sehr tiefen Ausschnitt, aber diesen „Rock“ (hust, hust) ziehe ich nicht an!
Der bedeckt ja nicht mal meinen Hintern!
Ne, ne, ne! So nicht.
Ich stell mich nicht an! Maike, wann hast du mich das letzte mal in einem Rock gesehen? Bei meiner Einschulung, ganz genau! Und der war mit Sicherheit nicht so kurz!
Priya ist entsetzt. Keinen Rock angezogen, seit so langer Zeit? Ja, genau! Was ist denn mit dieser Hose da? Nicht, dass auch
hier ordentlich an Stoff gespart wurde an den Seiten, aber die hat wenigstens welchen ums Hinterteil herum.
Nein, Maike. Das Ding ist keinesfalls langweilig (zu Hause brauch ich das hier gar nicht erzählen… das glaubt mir eh keiner! Ich als Bartante in einer GoGo- Bar… ts!).
Ach ja, Schuhe.
Ähm, Turnschuhe sind nicht erlaubt, oder? War klar.
Na gut. Dann nehme ich die roten Dinger da. Kann man damit auch laufen oder nur jemandem den Kopf einschlagen?
Aber als ich drei-, viermal hin- und herlaufe, ohne mir den Hals zu brechen, bin ich schon zuversichtlicher, diesen Abend halbwegs zu
überstehen.
Priya besteht auf Fotos. Lieber nicht, aber Maike hat schon ihre Kamera in der Hand und fängt an, mich abzulichten.
Und sie gibt erst Ruhe, nachdem ich sie in allen erdenklichen Posen geknipst habe. Dann kann’s ja losgehen…

Ich werde hinter der Bar postiert, mit der Order, immer schön zu lächeln. Die Männer sind überall gleich.
Ach ja? Ich kenne mindestens einen, der… Nein, ich will jetzt nicht daran denken.
Maike wirkt jetzt doch etwas nervös auf mich. Aber natürlich, nein, bist du nicht.
So nach und nach füllt sich die Bar, und ich bekomme doch einiges zu tun. Ich bin nur froh, dass diese Schuhe nicht den allerhöchsten Absatz haben. So besteht immerhin die Winzigkeit einer Chance, dass
ich da nicht runterfalle.
Hm, aber dieses Lächeln da entschädigt fast für alles. Süßer Typ.
Maike hat jetzt ihren Auftritt. Priya sagt irgendwas und einige der anwesenden Herren fangen an, wie wild zu grölen.
Ach ja, die Lightshow. Maike geht voll darauf ein. Hey, die ist ja eine richtige Rampensau!
Die Männer sind sehr angetan von… Was sagt der da?!
So’n netten blonden Käfer hätte er noch nie gesehen. Nicht mal in Deutschland in seinem „Stammbordell“.
Ich glaub’s nicht! Da flieg ich Tausende von Meilen um den Globus, um mich dann hier in der Fremde von einem schmierigen deutschen Sextouristen als „blonden Käfer“ bezeichnen zu lassen.
Wenn das nicht Schicksal ist…
Der Typ (ich taufe ihn Hans, weil der wie der letzte Hanswurst unter Gottes manchmal zu heißer Sonne aussieht) geht zur Bühne und stiert Maike auf den Hintern. Als sie sich umdreht wedelt er mit einem Geldschein in ihre Richtung und ich sehe Maikes entsetzten Gesichtsausdruck.
Oh oh, der wird doch wohl nicht ein eindeutiges Angebot gemacht haben? Maike tanzt elegant in Richtung des Türstehers, der
aussieht wie Axel Schulz, ruft ihm etwas zu und deutet auf Hans. Der ist aber leider in der Zwischenzeit wieder bei mir angelangt und versucht, einen Geldschein in meine Hose zu schmuggeln. Das will ihm nicht gelingen, also versucht er es mit meinem BH.
Typen wie der sind doch echt ein Grund, auszuwandern.
Und so was läuft frei rum…
Jetzt wird der auch noch aufdringlich! Aber zum Glück ist Axel Schulz jetzt da und befördert den lieben Hans in Richtung Tür. Dort trifft er dann auf Priya, die ihm etwas ins Ohr flüstert. Das scheint aber nichts nettes zu sein, denn Hans’ Kopf wird schlagartig knallrot.
Priya kommt zu mir herüber und grinst mich entschuldigend an. Solche Typen gibt es immer wieder.
Ich will wissen, was sie ihm gesagt hat, aber sie will es mir nicht verraten. Das sei nicht jugendfrei.
Also, hör mal…!
Aber ich habe gar keine Zeit mich aufzuregen, denn Maike kommt zu uns rüber und verlangt nach einer Stärkung. Priya verteilt noch ein bisschen Lob und klettert dann selbst auf die Bühne.
Was sagst du, du bist froh, dass dich die Jungs so nicht sehen?
Und was, wenn ich dir sage, dass die gerade zur Tür reinkommen? Und diesen Typen aus der Uni auch dabei haben?
Maike dreht sich mit entsetztem Gesicht um. Sie scheint hin- und hergerissen. Aber dann flüchtet sie doch. Leider hat ihre Flucht nicht den gewünschten Erfolg, denn Priya holt sie auf die Bühne.
Der Typ ist hingerissen. Und Rhanjid und Rajah lachen sich schlapp.
Binel kann auch seine Augen nicht mehr in eine andere Richtung wenden, mein Ausschnitt scheint zu aufregend zu sein (tja, meine Superpampelmusen sind der Gipfel in der Blusen…)
Maike weiß kaum, wie sie sich bewegen soll, denn der Typ sieht sie ununterbrochen an und ist hin und weg.
Irgendwann hat Priya dann ein Einsehen mit ihr und schickt sie von der Bühne. Der Typ belagert sie sofort. Der ist ja wie
hypnotisiert…
Der Abend wird dann doch irgendwie lustig. Zum einen, weil nicht noch mehr Typen wie Hans auftauchen und es hier nicht allzu voll ist.
Zum anderen, weil ich einfach irgendwann diese Schuhe ausziehe und barfuss durch die Bar tänzle und die Leute bediene.
Maike sieht man jetzt nur noch dann auf der Bühne, wenn Priya sie da hoch scheucht. Die andere Zeit sitzt sie mit ihrem Typen in einer lauschigen Ecke.
Ja ja …
Ich würde eigentlich auch mal ganz gerne meinen Posten verlassen … irgendwie sieht Binel heute abend besonders gut aus. Hat der noch was vor?
Um halb vier schmeißt Axel Schulz dann die letzten Gäste raus, aber erst nachdem sie sich persönlich bei den „blonden Käfern“ verabschiedet haben. Aber von diesen Typen droht keine Gefahr. Die sind so sternhagelvoll, die müssen aufpassen, dass die sich
beim pinkeln nichts einklemmen.
Und uns schmeißt Priya dann auch raus, zumindest aus der Bar selber. Sie müsse jetzt aufräumen.
Aufräumen, ja?
Mit Axel Schulz als Mülltütenhalter?
Aber ich grinse nur still in mich hinein. Das sieht mal wieder nach einer Nacht in den Umkleidekabinen aus. Rhanjid und Rajah sind
irgendwohin verschwunden. Markus auch? Tatsächlich, der Junge ist nirgends aufzutreiben. Tja, nur noch Priya und ihr Boxer da. Und natürlich Maike und ihr Typ und Binel und ich…
Das kann ja doch noch eine richtig lauschige Nacht werden.
Maike verschwindet gerade in der Küche und schließt mit Nachdruck die Tür hinter sich ab. Binel wirkt jetzt doch irgendwie etwas nervös.
Ich frag ihn, was er denn jetzt vorhat.
Schweigen.
Das kann doch nicht war sein… Ich sitze hier auf dieser Couch wie auf einem Präsentierteller und der steht da an der Tür und kriegt den Mund nicht auf. Also, dann werde ich jetzt mal die Sache in die Hand
nehmen. Ich stehe auf und will gerade auf ihn zugehen, da
fängt er doch auf einmal an zu sprechen.
Aber, Binel. Weißt du, eigentlich will ich jetzt keine Kompliment hören.
Du musst mir nicht sagen, wie toll du mich findest. Das kann ich dir ansehen. Wills du mir das nicht vielleicht auch beweisen?
Und dann endlich rührt er sich und kommt auf mich zu. Aber irgendwie sieht er etwas verstört aus.
Was, um alles in der Welt hast du denn?
Was?
Junge, du bist 22. Markus ist 23 und wird Vater und du hast noch nie …?
Na, ich glaube, dem Zustand sollten wir ganz schnell Abhilfe leisten, meinst du nicht auch? Ja, hier. Wo denn?
Aber Maike und ihr Typ und Priya und der Boxer?
Oh, du kannst mir glauben, die sind vollauf miteinander beschäftigt. Wir sind also ungestört…
(das wird hier eine freie Interpretation von Cat Stevens’ „The first cut is the deapest“…)
Aber ich muss sagen, fürs erste Mal macht der Junge eine Sache nicht schlecht…

Ich habe Muskelkater.
Wo?
Verrat ich nicht…
Maike sieht auch etwas angeschlagen aus. Ihre Augenringe machen denen von Christopher Lee starke Konkurrenz. Aber sie bügelt ihren
verknitterten Gesichtsausdruck mit einem süffisanten Lächeln wieder aus. Ich war für einen Moment verwirrt, wieso ich schon wieder in dieser Garderobe geschlafen habe. Aber ein Blick zur Seite hat die Situation erklärt.
Markus ist immer noch verschwunden, Rhanjid und Rajah auch. Ich gehe mal stark davon aus, dass die drei sich gestern aus dem Staub gemacht haben. Und wo ist eigentlich Priya? Die wird ja wohl nicht
die ganze Nacht für diesen Axel Schulz getanzt haben. Aber so eine Bühne kann ja auch zu anderen Zwecken gebraucht werden.
Dann aber sehe ich sie, mit der Nase in irgendwelchen Büchern.
Die wird doch nicht so früh am Tag ihre Abrechnung machen. Na ja, aber irgendwann muss es ja gemacht werden.
Ich jedenfalls verziehe mich jetzt mal an die frische
Luft, ein Lungenbrötchen zu mir nehmen. Ohne mir dabei selber Vorwürfe zu machen oder mich von jemand anders doof anblaffen zu lassen.
Maike? Was machst du denn … ?
Oh, zu spät!
Ich habe die Zigarette schon gesehen!
Die Zichte danach, was?
Ich auch. Ja, klar. Was denkst du denn? Soll ich so eine Gelegenheit auslassen? Da wäre ich doch echt bescheuert. Außerdem war das
quasi eine kleine Hilfestellung, damit der Junge endgültig erwachsen wird. Aber mehr Einzelheiten gibt’s nicht.
Meine Gedanken schweifen etwas ab, deshalb kriege ich kaum mit, dass Maike mich nach irgendeiner Farbe fragt.
Was für ne Farbe?
Ach so! Farbe…
Na ja, erst blau, dann gelb, grün war auch dabei.
Und selbst?
Ja, jetzt ist es an mir, süffisant zu grinsen. Aber gerade als Maike den Mund aufmachen will, kommen Markus, Rajah und Rhanjid um die Ecke. Armer Markus! Musste die Nacht allein verbringen…
Also, Jungs, was steht heute an?
Aber wir gesellen uns erst mal wieder zu Binel und dem Typen. Die beiden haben sich anscheinend schon auf einen gewissen Teinspiegel gebracht. Aber großartige Reden werden hier nicht geschwungen. Maike fragt mich, wie ich das eben gemeint habe, mit
der Hilfestellung zum Erwachsen werden.
Na, Kind! Das Hähnchen ist jetzt ein Hahn.
Wie, der auch? Dein Typ hatte auch noch nie … ?
Sag mal, wo sind wir denn hier? Nicht, dass die jetzt
angehalten werden, uns zu heiraten…
Soll ja Länder geben, wo das schon vorgekommen ist. Der Betreffende hat es aber irgendwie doch geschafft, wieder nach Deutschland zu kommen. Aber das ist hier nicht so, oder ?
Nicht? Und du bist dir ganz sicher? Gut!
Was machen wir denn heute? Außer feten heute abend.
Rhanjid muss auf jeden Fall in die Uni.
Also fahren wir mit. Aber erst mal brauch ich ne heiße Dusche.
Ich ernte ein zustimmendes Gähnen seitens Maike und Binel meint, er müsse heute mal endlich wieder Busfahren, sonst wird er noch den Job verlieren. Und der Typ bequatscht gerade was mit Rhanjid, der fährt aber höchstwahrscheinlich mit in die Uni.
Zwei Stunden später stürzen wir abgehetzt in den Bahnhof, weil wir sonst den Zug verpassen. Wozu habe ich den gerade geduscht, wenn ich jetzt schon wieder sprinten muss?
Als wir auf dem Bahnsteig ankommen, fährt der Zug
gerade ein. Noch mal Glück gehabt…
Aber anscheinend sind wir nicht die einzigen, die in die Unistadt wollen. Der Zug ist komplett überfüllt, es ist megaheiß und stickig, die Leute stehen beieinander wie Ölsardinen in einer Dose und für mich riecht es hier so, als seien wir sechs (also Markus, Maike, der Typ,
Rhanjid, Rajah und ich) die einzigen, die in den letzten sieben Tagen mit Wasser in Berührung gekommen sind.
Ach, das ist normal?
Ja, klar.
Nein, bei uns ist das etwas anders.
Weißt du, wir haben in den Zügen Lüftungssysteme, die zumindest versuchen, die Luft umzuwälzen.
Oder da gibt es zum Beispiel auch so Klimaanlagen, die Sorge tragen, dass die Leute nicht alle nacheinander umkippen, sich dafür aber ne dicke Erkältung einfangen. Wenn das alles nicht der Fall ist, dann bleiben immer noch die Fenster auf, die man aufmachen kann.
Ja, Rhanjid, das musst du mir nicht sagen. Ich weiß selbst, dass das hier etwas anders ist.
Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles, oder?
Wir werden ununterbrochen von einer Gruppe Jugendlicher regelrecht angestarrt. Die ganze Zeit. Bis wir aussteigen. Die unterhalten sich aber nicht über uns oder so, die reden gar nicht miteinander, nee, die glotzen nur doof.
Wer ist das? Kennt ihr die?
Nein? Du auch nicht? Die Frage geht an den Typen, der letzte Nacht mit Maike, na ihr wisst schon… Ich  habe nur immer noch keine Ahnung, ob der auch einen Namen hat. Als Antwort gibt es jedenfalls nur ein heftiges Kopfschütteln.
Na, dann soll’s uns egal sein.
Wir kommen in die Uni und sofort macht sich der Typ aus dem Staub. Er drückt Maike einen Kuss auf die Wange, sagt irgendwas zu Rhanjid und Rajah und macht dann die Biege.
Was war das jetzt? Rhanjid zuckt die Schultern und meint, der hätte irgendwas von Informatik geredet.
Dabei ist doch heute bloß ne Vorlesung in angewandter Mathematik. Komisch.
Maike zuckt nur mit den Schultern. Ihr ist es egal, was der Typ jetzt macht.
Rajah, Markus und Rhanjid sind schon ein Stück weitergegangen, deshalb frage ich Maike, wie der Typ eigentlich heißt.
Wie, weißt du nicht? Du warst mit dem im Bett und kennst nicht mal den Namen?
Saif, kann sein. Was fragst du mich?
Na, Hauptsache ist doch, dass der Typ seinen Zweck erfällt hat, oder?
Und dann fangen wir beide an zu lachen.
Dann sehe ich ein paar Typen, die in unsere Richtung zeigen. Da hier weit und breit niemand mehr ist, können die nur uns meinen.
Ich stutze, gucke genau hin und mache dann Maike auf die Jungs aufmerksam. Das sind doch die Typen, die uns in der Bahn die
ganze Zeit wie blöde angeglotzt haben. Und der Typ mit der braunen Hose, Maike, dass ist doch deiner, oder?
Ja! Doch, der ist das! Der kennt die, na gut. Aber der hätte ja auch in der Bahn was sagen können, oder?
Na ja, ist ja auch eigentlich egal. Du hast die ja wohl hoffentlich nix eingefangen bei dem, oder?
Ach ja, zum Glück hat ein weiser Engländer im 18.
Jahrhundert diese Gummidinger salonfähig gemacht.
Interessiert dich noch, was der Typ vorhat? Nicht?
Gut, dann lass uns zu den anderen gehen. Ich will noch meine Mails checken. Aber da gibt’s nix zu checken. Anders als bei Markus: Der druckt sich gerade eingescannte Ultraschallbilder aus, auf denen wenig bis gar nix zu sehen ist, seitenlange Berichte über Anna-Lenas morgendlicher Übelkeit und so weiter…
Maike hat auch nichts bekommen, will aber noch mal ihre Oma anrufen. Die sollte ja eigentlich mittlerweile vom Kurztrip in die Eifel wieder da sein.
Die Leitung steht und am anderen Ende nimmt auch jemand ab, aber es ist nicht Maikes Oma.
Es ist meine Mutter.
Maike ist so perplex, dass sie mir einfach den Hörer in die Hand drückt.
Hi Mom! Wie ist denn so die Lage? Was machst du denn bei Maikes Oma?
Was?
Die kommt aus dem Urlaub und das Haus ist fast leergeräumt?
Wie … ?
Die Krankenschwester? Ja, stimmt.
Also, die haben bei Oma Carsten sämtliche elektronische Geräte rausgeholt: Telephon, Fernseher, Plattenspieler (das ist das Teil mit
diesem längen Metallarm mit Nadel vorne dran, wo so runde Scheiben mit Rillen draufgelegt werden und die dann auch noch Musik von sich geben), Fön, Herd, Mikrowelle, Kühlschrank. Und der elektrische Treppenlift, ohne den die Oma nicht die Treppen hochkommt, ist natürlich auch weg.
Das war doch diese Krankenschwester, wer sonst? Die hat sich ja regelrecht da eingenistet und konnte so von langer Hand die Sache planen.
Und wie kommst du jetzt dahin, Mutter?
Ach, ja klar. Die Oma hat der Frau Krüger Bescheid gesagt, die hat dann dich angerufen und die Polizei auch.
Wie, die Oma wollte keine Polizei im Haus? Aber die
waren da, ja? Gut.
Ja, klar, sofort anzeigen. Das ist mindeste. Haben die denn Omas geheime Geldreserve gefunden? Ha, das habe ich mir gedacht! Der Tipp kam ja auch immerhin von mir. Ja, da kannst du mal sehen, was für eine schlaue Tochter du hast!
Das Geld klebt immer noch hinter der Tapete auf der Kleiderschrankrückwand.
Nein, Mutter.
Da brauchst du gar nicht erst gucken, ich habe da mitS icherheit kein Geld kleben.
Ja, das kann schon sein, dass du den jungen Herrn Lübke beim Konsum gesehen hast. Hier ist er jedenfalls nicht mehr.
Ja, warum der abgehauen ist, weiß ich nicht. Er ist eben abgehauen und hat keinem was gesagt. Nein! Weiß ich nicht! Nein! Ich ruf den nicht an! Nein! Du rufst den mit Sicherheit auch nicht an! Mutter, es reicht!
Ich geb den Hörer jetzt an Maike und du gibst deinen Telephonhörer jetzt an Oma Carsten, ja?
Gut, tschüss.
Ahh!
Maike, hier. Aber flipp bitte nicht aus.
Aber Maike sagt ihrer Oma nur, dass sie von Anfang an gewusst hat, dass diese impertinente Ausgabe einer Krankenschwester nicht so ganz in Ordnung ist. Die waren wahrscheinlich gerade dabei, die Bude auszuräumen, als sie das erste Mal angerufen hat. Sie verspricht ihrer Oma, bald nach Hause zu kommen und hängt den Hörer ein.
Ihrer Oma wohnt ab heute abend bei meinen Eltern im Gästezimmer, das ist zum Glück im Erdgeschoss. Maike ist nicht wütend, sondern einfach entsetzt. Markus hat von alledem nichts mitbekommen.

Er studiert fleißig aktuelle Bundesligatabellen und Spielergebnisse.
Rhanjid sagt, er und Rajah müssen jetzt in die Mathevorlesung. Wir könnten also mitkommen, oder hier bleiben, uns langweilen und zu Tode schwitzen.
Also, ich würde mir gerne mal so eine Vorlesung angucken. Auch, wenn ich mit Sicherheit nichts verstehen werde. Worum geht’s noch mal? Ach ja, angewandte Mathematik.
Nein, Markus! Das kann man nicht essen!
Also, lasst uns gehen. Und vor allem, besorgt diesem Jungen was zu
essen!

Neulich erst in einem Seminar in Lokalpolitik, da saß der neben mir und sagte jede Minute „Ich hab Hunger. Hast du was zu essen?“ Irgendwann hat ihm der Prof dann zehn Euro auf den Tisch geknallt und gemeint, er solle zusehen, dass er zum Bäcker kommt und sich mit Brötchen eindeckt. Und auf dem Rückweg könne er dann bitte für alle Tee mitbringen, zur Nervenberuhigung.
Also, wie sieht’s aus? Gibt es hier was zu essen für den Jungen?
Reiskräcker? Cool, davon will ich auch welche. Nein, ich esse dir die schon nicht weg, keine Angst.
Dieser Hörsaal unterscheidet sich nicht im geringsten von den unsrigen. Tafel, flackernde Neonröhre an der Decke, unbequeme Sitzbänke, Klapptischchen, auf die gerade mal ein Block und ein Stift passt und so tief angebracht sind, dass man sich unweigerlich blaue
Flecken zulegt.
Rhanjid uns Rajah falten sich da irgendwie hinein, Maike, Markus und ich setzten uns der Einfachheit halber ganz nach hinten auf den Boden.

Hey, guck mal! Was der da anschreibt, versteh ich ja sogar! Mensch, dass ist ja mal cool. Da geht’s um Logarithmen und so.
Ach, das ist doch einfach, hatten wir neulich erst in Musik. Ja, Markus. In Musik.
Wie du dich vielleicht erinnern kannst, studiere ich das. Ja, da brauch man streckenweise „so einen Kram“. Irgendwann allerdings kann ich dann doch nicht mehr folgen (schon allein der von mir nicht beherrschten Sprache wegen) und ich langweile mich genauso wie
Maike. Markus ist wieder in seine Fußballberichte vertieft. Maike fallen von Zeit zu Zeit die Augen zu, scheint etwas müde zu sein.
Ich spiele Käsekästchen mit mir selbst, was allerdings ein bisschen doof ist, denn dann gewinne ich ja immer.

Also lasse ich zu, dass meine Gedanken in die Heimat schweifen. Und sofort muss ich natürlich an Kai denken, wie hätte es anders sein können. Ich möchte zu gerne wissen, was ihn dazu bewogen hat, einfach abzuhauen. Da ist sonst so gar nicht seine Art. Aber so sehr ich mir auch das Hirn zermartere, ich komm nicht drauf.
Und dann ist da auch noch die Sache mit Maikes Oma.
Das ist doch echt dreist. Sich bei so einer zwar alten und debilen, aber eigentlich ulkigen Lady einzunisten und ihr dann die Bude komplett auszuräumen. Ich gehe mal davon aus, dass mein Dad bei Oma Carsten unser altes Telephon angeschlossen hat, weil die hatte ja keins mehr (wir haben erst vor drei Wochen ein neues bekommen, endlich ein schnurloses, aber das alte stand immer noch daheim auf der Treppe zum Dachboden rum und diente mit  Vorliebe Freitags- und Samstagsnachts als Stolperfalle).

Die Vorlesung ist zu Ende, und wir sitzen wieder in diesem charmanten Büro, das sich Rhanjid mit drei anderen Leuten teilt, um irgendwelche Programme zu testen. Die sind im Moment aber nicht da, also ist genug Platz.
Maike will noch mal ins Internet, vielleicht hat sie
ja doch Post. Und tatsächlich, da ist eine Mail von Olli.
Von Olli? Also, Olli ist mein Cousin, der Sohn von Mutters Schwester und arbeitet in der selben Promotionsagentur wie Maike und ich, besser gesagt, er hat uns da die Jobs besorgt.
Also, Maike? Was will denn der Olli von dir?
Ach so, meine Mutter hat ihn angerufen, wegen der
Sache mit deiner Oma (Oma Carsten ist in unserem
Freundeskreis recht beliebt, wegen der sehr leckeren Erdbeerbowle, deren Rezept sie partout nicht preisgeben will…). Was schreibt er denn?
Schöne Grüße an alle, das übliche bla bla eben. Und dass er für Maike da ist, wenn sie ihn braucht. Er flucht noch ein bisschen über diese Leute, und dann ist die Mail auch schon zu Ende (er verabschiedet sich mit „bussie vom olli“, wer hat den denn
getreten?).
Ich habe noch immer keine Post.
Was machen wir jetzt? Oh, ihr müsst noch hier bleiben? Aber wir könnten doch eigentlich nach Hause fahren, oder?
Also Rhanjid und Rajah bleiben noch in der Uni, der Rest von uns tritt den Heimweg an. Wir stehen noch alle zusammen im Hauptfoyer und
wollen uns gerade von den beiden verabschieden, da laufen wieder die Typen aus dem Zug an uns vorbei.
Sie giften etwas in Rhanjids Richtung, der verzieht das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln und antwortet ihnen.
Maikes Typ hält sich im Hintergrund, weder er noch Maike machen Anstalten, einander aufzufallen. Ihr ist wohl wirklich egal, was aus dem Jungen wird. Richtig so.
Die Jungs entfernen sich und Rhanjid lacht immer noch.
Maike fragt ihn, was eigentlich los ist.
Die Geschichte verblüfft mich etwas, aber irgendwie ist sie doch lustig…
Der Typ sitzt mit Rajah und Rhanjid in den Informatikkursen, war immer sehr freundlich und nett. Dann ist er irgendwann auf so einer Fete aufgetaucht (in Deutschland wäre das ne Rosa Fete gewesen) und hat versucht, Anschluss zu finden. Er stand irgendwie zwei Stunden in der Ecke rum und hat mit keinem geredet, also hat Rajah sich erbarmt, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Was er denn hier treibt und ob er schon lange weiß, dass er vom anderen Ufer ist. Na ja, der Typ hat dann ein bisschen rumgedruckst und gemeint, eigentlich nicht, dass ist alles noch so neu und er habe ein bisschen Probleme in dieser Hinsicht mit seinen Freunden (das sind dann wohl die Typen aus dem Zug). Die sind der Meinung, das Homosexualität
ansteckend ist und überhaupt einer der schlimmsten Seuchen auf der Welt sei (aha?). Na ja, und die haben sich vor zwei Jahren so einem Verein angeschlossen, der total gegen Sex vor der Ehe ist und jede andere sexuelle Orientierung, außer ihre (Hetero) verurteilt (Himmel hilf, gläubige Katholiken, die den Papst für unfehlbar halten! Weiß der, dass Schwule in Deutschland heiraten können?).
Aber der Typ selber ist da nicht so ganz der Meinung, deshalb hat er sich in den letzten Monaten etwas abgesondert. Na ja, der wollte halt ein paar Erfahrungen sammeln. Wer kann es ihm verdenken? Der
ist fast dreiundzwanzig und war bis gestern noch sehr jungfräulich… Rhanjid grinst Maike an. Aber wie das jetzt mit dem weitergeht… keine Ahnung. Wenn der wirklich schwul ist, dann wird er über kurz oder lang wieder bei diesen Feten auftauchen. Wenn nicht, dann nicht.
Na, was soll’s (Hi, hi, hi! Maike hatte Sex mit einem Homo… ich lach mich scheckig!), wir sehen den ja eh nicht wieder.
Ach so, ja. Wir wollten ja eigentlich den Heimweg antreten. Also, tun wir das. In der Bahn frage ich beiläufig, ob Maike und Markus schon einen Plan haben, wann wir zurück fliegen sollen. Maike zuckt die Schultern und brummt irgendwas in sich hinein, Markus grinst mich an und meint, er wüsste, wann wir fliegen könnten.
Und, großer Häuptling, verrätst du uns auch, wann?
Und woher du das weißt?
Hä? Sprich mal deutlicher.
Internet? Ach so, ja.
Ja, und wann geht denn nun die nächste Maschine, mit
der wir fliegen dürfen? Übermorgen? Maike fährt hoch und meint, dass wir dann auch auf jeden Fall übermorgen fliegen sollten.

Ich gebe es ja nur ungern zu, aber insgeheim hatte ich darauf gehofft, dass irgendeiner vorschlägt, so schnell wie möglich abzuhauen. Ich tue überrascht und frage sie, wieso sie denn so schnell hier weg will.
Ach so, wegen deiner Oma. Und weil du meinst, ohne Kai machst das alles keinen Bock mehr. Markus guckt von Maike zu mir und dann wieder zu Maike. Er runzelt die Stirn und meint, ich solle nicht so überrascht tun, ich wäre die letzte, die sich gegen eine frühere Heimreise sträuben würde (man, woher weiß der das?). Also ist die Sache abgemacht. Wir fliegen übermorgen wieder nach Hause (YEAH!), aber wie sagen wir das den Eltern?
Wie, gar nicht? Na, eben nicht erzählen, sondern dann einfach vor der Haustür stehen und überraschen.
Jau, coole Sache.
Mein alter Herr kriegt zwar mit Sicherheit dann ne Herzattacke, aber lustig könnte das werden.
Priya protestiert heftig, sie fängt fast an zu heulen.
Sie will nicht, dass wir fliegen. Nein, das geht doch nicht. Wir müssen dann zumindest aber noch mal bei ihr aushelfen. So gut gefüllt wie gestern abend war die Kasse selten.
Und wenn wir das nicht tun, fährt sie uns eben nicht zum Flughafen.
Na, wir sind ja auch ohne dich vom Flughafen hergekommen, also kommen wir auch irgendwie ohne dich da wieder hin.

Natürlich geben wir nach, hat ja schon Spass gemacht. Und Hans kommt sicher nicht noch mal wieder. Aber leider komme ich diesmal nicht ums tanzen herum. Maike zieht mich einfach auf die Bühne. Und abhauen kommt jetzt irgendwie nicht so gut. Was bleibt mir also anders übrig, als mich so unauffällig wie möglich zu bewegen.
Jetzt ist mein Problem aber, dass man auf einer Bühne
eher auffällt, wenn man dumm in der Gegend rumsteht.
So wie ich gerade!
Ich suche Markus’ Blick im Publikum. Klar, der grinst sich einen weg. Der Junge hat echt Spass daran, Maike und mich hier oben zu sehen.
Ich guck noch ein bisschen weiter und sehe dann hinter dieser Feuerwehrstange eine Art Fluchttür. Die haben die ja echt gut versteckt, einfach tapeziert. Neben der Tür sitzt ein Typ, der fast aussieht wie – Kai.
Und, wie hätte es anders sein können, natürlich muss ich sofort wieder an den denken. Was der jetzt wohl macht? Ob der mal an uns denkt oder einfach versucht, uns (oder vielleicht nur mich) zu vergessen? Mir steigen Tränen in die Augen. Ich sehe meine einzige Chance, hier weg zu kommen, in der Feuer-, Flucht- oder was auch immer –tür. Also schwinge ich meine grazilen Hüften Richtung Stange, tanzte da ein paar Mal rundherum, mache dem Typen mit der Whiskeyflasche (komisch, bei uns gibt’s das Zeug immer nur in Gläsern und dann auch nur in sehrkleinen Mengen) schöne Augen und sende ein Stoßgebet gen Himmel, die Tür möge auf sein. Was sie dann auch ist und durch eben diese verschwinde dann.

Ich lande direkt im Hof und sofort fangen meine Augen an zu tränen und ich kriege eine Niesattacke. Pollen, klar! Selbst hier bleibt man von diesem Kroppzeug nicht verschont.
Allerdings muss ich auch wirklich heulen, da bieten die Pollen die beste Ausrede. Nur mein Schluchzen kann man wohl keinem als Pollenallergienebenwirkung unterjubeln.
Ich merke erst nach zehr Minuten hemmungsloser Heulerei, dass ich nicht alleine bin. Rajah steht plötzlich neben mir.
Wo kommt der denn jetzt her? Na, ist auch egal.
Nein, natürlich sind das nicht nur Pollen, die mir das Pipi in die Augen schießen lässt. Nein, ich weiß auch nicht, warum ich jetzt einfach heulen musste. Vielleicht, weil wir jetzt schon sehr bald wieder nach hause fahren.
Was?
Nein! Wie kommst du denn darauf?
Ich heule doch nicht, weil ich unglücklich verliebt bin.
In wen denn?
In Binel bestimmt nicht. Der ist zwar ganz süß, aber verlieben…? Nee, du, lass mal. Wie, wieso würde dich das wundern?
Was?
Na toll. Maike hatte was mit ’nem Homo und ich steigt mit ’nem Bisexuellen in die Kiste… Hast du noch so ein paar Kalauer auf Lager? Der Abend ist noch nicht vorbei.
Wie, Kai?

Rajah, ich versteh dich nicht. Wieso fängst du jetzt von Kai an? Was hat der denn jetzt hiermit zu tun?
Man, Junge! Red Klartext.
Ich habe keine Ahnung, was du mir gerade erzählen willst!
Wie, Brief? Was für ein Brief? Ich weiß nichts von einem Brief. Kannst du mich mal bitte aufklären?
Endlich merkt Rajah, dass ich wirklich nicht weiß, was er von mir will und zieht einen etwas zerknitterten Briefumschlag aus der hinteren
Hosentasche. Wie, für mich? Wer schreibt mir denn hier Briefe?
Einfach lesen?
So so, und du meinst, dann verstehe ich dich endlich, ja?
Rajah drückt mir den Brief in die Hand und meint, er lasse mich jetzt allein, denn er könne es nicht ertragen, Frauen heulen zu sehen. Dann müsse er immer mitheulen und eigentlich ist ihm im Moment nicht nach heulen.
Als er weg ist, schaue ich auf den Umschlag. Aber da steht nichts drauf. Also muss ich den wohl oder übel doch aufmachen. Auch
wenn mir mein Bauch gerade sagt, dass das für meine psychische Verfassung nach hinten losgehen könnte.

Ich mache den Brief auf, sehe die Handschrift und fange direkt wieder an zu heulen…
„Katja, oder Tinka (auch, wenn du’s nicht ausstehen kannst, wenn man dich so nennt), bevor du diesen Brief zerreißt oder wegschmeißt, gib mir die Chance, dir zu erklären, warum ich denn überhaupt so ‚am Rad gedreht’ habe. Ich bin sicher, dass Markus mein Verhalten so bezeichnet hat. Wobei ich hoffe, dass er und Maike die
Klappe gehalten haben und dir nicht erzählt haben, warum ich eigentlich abgehauen bin. Allerdings muss ich etwas weiter ausholen, um das richtig darzustellen…
Wir kennen uns schon eine Ewigkeit. Ich weiß nicht, ob du dich noch daran erinnern kannst, aber ich weiß noch ganz genau, wie du zum ersten Mal mit deinem Bruder bei uns im Leichtathletikverein aufgetaucht bist, weil du dich alleine nicht getraut hast. Aber wusstest du, dass Lukas gar nicht für Leichtathletik zu haben ist? Er ist damals nur mitgekommen, weil er seine kleine Schwester nicht alleine lassen wollte. Er wusste ja von mir, was bei uns im Verein für Typen rumhängen. Jedenfalls hast du damals schon bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht nur als die kleine Schwester meines besten Freundes. Ich fand es super, mich mit so einem tollen Mädchen unterhalten zu können. Luke hat mich immer wegen dieser Schwärmerei aufgezogen, aber ich weiß, dass er dir nichts
davon erzählt hat. Als du vor zwei Jahren mit Marius zusammengekommen bist, ist mir endlich mal klar geworden, dass ich mich total verliebt habe. Wie du dir vorstellen kannst, war Hannah nicht begeistert von der Tatsache, dass ich gar nicht wirklich in sie verliebt war, obwohl wir ja schon fast ein Jahr zusammen waren, sondern in dich. Ich habe das immer gut verstecken können. Hannah
hat ja jeden Kontakt zur Clique abgebrochen und dein Bruder…der war zu der Zeit so was wie mein Tagebuch. Man, was der sich alles anhören durfte, und dir doch nichts erzählt hat. Ich habe mich nie in deine Beziehung mit Marius eingemischt, ich wollte nicht, dass es mich etwas angeht. Außerdem war er ja einer meiner besten Freunde und du hast dich für ihn entschieden, da blieb mir nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Du weißt, dass ich mein Leben immer so hingenommen habe, wie es ist, ohne großartig was ändern zu wollen. Aber diese Sache mit Binel konnte ich mir einfach nicht länger antun. Ich wollte dir nicht reinreden, weil du selber entscheiden musst, was du machst. Und nach Marius hast du auch jedes Recht dazu. Nur mir tat es zu weh, mit ansehen zumüssen, wie
du mit Binel rumgeflirtet hast. Da hat meine Psyche einfach eine Blockade gesetzt. Erinnerst du dich an unsere Küchenteestunde? Da
hatte ich wieder die Hoffnung, dir mehr zu bedeuten als ein guter Freund. Ich glaube, ich bin schon seit Ewigkeiten in dich verliebt; ich habe es nur nie richtig gemerkt. Das ist die, vielleicht nicht beste, aber einzige, Erklärung für meinen plötzlichen Abflug
ist. Ich hatte einfach Angst. Denk jetzt von mir, was du willst. Maike und Markus wissen eh Bescheid. Und Rajah auch. Der hat dir ja den Brief gegeben. Vielleicht verstehst du mich ein kleines
bisschen. Wir alle sind mal verliebt. Ich etwas mehr und auch schon etwas länger, nur das ich es vorher nicht gemerkt habe oder nicht
wahr haben wollt. Jetzt weiß ich es und, was noch viel wichtiger ist, jetzt weißt du es auch. Kai“

Priya findet mich schließlich, in Tränen aufgelöst am Boden kauernd hinter der Bar. Sie sieht den Brief, kann ihn aber nicht lesen (zum Glück!), weil Kai den auf deutsch geschrieben hat. Aber sie kommt schnell dahinter, dass der von Kai ist.
Und sie sagt mir auf den Kopf zu, dass ich in Kai verliebt bin. Ich schluchze etwas, das sich anhört wie „wie willst du das den wissen?“
Ach so, du hattest schon immer ne Ader für so was. Und du wusstest auch eher als dein Bruder selber, dass er schwul ist. Und außerdem entwickelt man in deinem Beruf ein Gespür für so was. Ah ja.
Toll! Das bringt mir jetzt aber auch nichts! Maike und Markus, beide haben sie Bescheid gewusst. Beide haben sie keinen Ton gesagt. Haben beide so getan, als wüssten sie von nichts. Schöne Freunde
habe ich da.
Wie? Ja, klar, die beiden sind natürlich auch Kais Freunde. Das weißt du doch. Was soll die Frage? Wie, zwischen zwei Stühlen? Ach so, du meinst, bei so was ist immer einer ein bisschen enttäuscht.
Ich fange wieder an zu schluchzen.
Kai hätte mir ja ruhig mal vorher was sagen können!
Man, ich war doch nur noch mit Marius zusammen, weil… ach, egal.
Nein, ich erzähl dir das jetzt nicht! Aber Priya löchert mich (und das ist eine ihrer Superheldenfähigkeiten), bis ich entnervt aufgebe,
ihr die Story mit Christian erzähle. Nein, das ist alles.
Wie, Tatsachenverdrehung?

Ja, kann sein, dass ich ein bisschen froh darüber war, dass die Beziehung mit Marius vorbei war. Nee, also ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich so ohne weiteres hätte Schluß machen können. Aber die Sachen mit Silke und dem Swingerclub waren ein mehr als Grund genug dafür.
Priya, ich glaube du hast recht. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich keinen Schlußstrich gezogen.
Liegt Priya eigentlich so falsch mit ihrer Gefühlsanalyse?

Ich habe wieder diesen Traum von Morpheus und den zwei Pillen, nur diesmal steht auf der blauen Marius und auf der roten ganz eindeutig Kai.
Nur, irgendwie kann ich mich nicht richtig entscheiden.
Diese Passage träume ich mindestens achtmal oder sogar noch öfter.
Irgendwann ist mir das echt zu blöde, und ich beschließe, aufzuwachen (ha ha, als ob das so einfach gehen würde…).

Jetzt habe ich wenigstens genug Ruhe und Zeit, meine Klamotten zusammen zu sammeln. So allzu viel ist das ja nicht. Wir wollte ja auch eigentlich nur zehn Tage bleiben. Zum Glück haben wir vorgestern unsere Klamotten waschen können. Das passt alles besser in die Tasche. Ich, zappelig wie ich bei solchen Angelegenheiten immer bin, untersuche bestimmt fünfmal mein Portemonnaie, ob auch noch alles da ist: Geld, Pass, Personalausweis, Visum, Flugticket.
Und die Fotos von der Clique. Wo Kai mit drauf ist.
Und ein Fotostreifen, auf dem wir zwei bescheuerte Grimassen in so einem Fotofixteil ziehen. Und dann eins, auf dem Kai die hemmungslos besoffene Katja ins Bett trägt (mein Geburtstag in die
Volljährigkeit, nur leider hatte ich nicht sehr viel davon; ich musste an dem Tag mit jedem anstoßen, und das ging schon mittags nach der Schule los, dann auf Arbeit, dann beim Training… wer hat das bloß
geknipst?). Ein Mannschaftsfoto vom LC, ich flankiert von meinem
Bruder und Kai. Die fünf Freunde: Markus, Maike, Kai, ich und Helmut, Maikes Schildkröte. Und das hier: Kai beim Geburtstagskuchenkerzenausblasen (das waren Zuckerkerzen, die immer wieder angegangen sind…). Ach ja, Kai als Han Solo, Marius als Obi-Wan Kenobi und ich (ausgerechnet als Prinzessin Leya) an
Karneval letztes Jahr.
Scheiße, sag mal! Hab ich hier nur Fotos von Kai drin?
Also, die ganzen Fotos von Marius sind ja vorletzte Woche bei Markus auf dem Geburtstag ins Grillfeuer geflogen.
Ach, guck. Da ist dann doch noch ein Familienfoto (Gott, da hab ich Zöpfe…!).
Irgendwie ist Maike wachgeworden von meinem Rumgeräume.
Jetzt sitzen wir beide in der Küche, sie etwas zerknitterter als ich.
Nein, ich bin nicht sauer auf euch. Warum auch?
Ich habe nur keine Ahnung, was ich machen soll, wenn ich nach Hause komme. Ich kann mich ja schlecht einschließen und die Welt
draußen wegsperren. Und ich kann Kai ja nicht ganz aus dem Weg gehen. Ob ich das überhaupt will? Nein!
Scheiße, jetzt fang ich schon wieder an zu heulen.

Nein, Maike. Ich hab mittlerweile kapiert, dass ich total verliebt bin.
Ach scheiße, dass ist doch alles total bescheuert gelaufen.
Kai, der beste Freund meines großen Bruders. Kai, der Typ, der immer mein Fahrrad repariert hat, weil’s kein anderer konnte. Kai, der meinem Bruder durch die mittlere Reife geprügelt hat (Lukas hat
zwei Ehrenrunden gedreht, wir waren sogar mal in einer Klasse… aber nur ein Jahr, danach ist er bei Kai gelandet). Wegen Kai bin ich schließlich damals in den Leichtathletikverein eingetreten, weil ich
ihn so toll fand. Und wegen Kai bin ich auch nicht auf eine andere Schule gegangen, als wir umgezogen sind (obwohl das für mich hieß, jeden morgen um halb sechs raus und Maike als beste Freundin als Ausrede herhalten musste…)
Nein, natürlich habe ich das keinem erzählt. Ihr hättet euch schön lustig gemacht über mich.
Marius? Na, klar war ich wenigstens ein bisschen verliebt in ihn, sonst hätte ich es ja kaum so lange mit ihm ausgehalten, oder?
Es ist ein herzzerreißender Abschied:
Priya heult Rotz und Wasser, Rhanjid will Maike gar nicht mehr aus seiner Umarmung loslassen, Rajah will von Markus in letzter Sekunde noch genaueres über Anna-Lena wissen. Binel ist gar nicht aufgetaucht. Priyas und Rhanjids Eltern sind nicht hier, zum
Glück.
Aber Rajahs Mutter wollte Maike und mich gar nicht gehen lassen. Erst als sie uns das Versprechen abgenommen hat, gefälligst mehr zu Essen, damit wir beim nächsten Besuch nicht mehr ganz so dünn sind.
Na, im Vergleich zu Rajahs Mutter wirkt aber auch selbst ein junges Nilpferd wie eine grazile Elfe…
Irgendwann ist es dann soweit…
Der letzte Aufruf für unseren Flug und das heißt jetzt endgültig Abschied nehmen. Ein letztes Mal alle drücken, knutschen und dann ab in den Flieger. Das geht hier im übrigen sehr einfach, nicht erst
durch tausenddreißig Gänge laufen, um sich dann von einem Bus zum Flieger fahren zu lassen. Direkt von der Kontrolle aufs Rollfeld und ab in den Flieger, der natürlich ganz am anderen Ende steht.
Maike redet jetzt schon vom Wiederkommen, obwohl wir nicht mal in der Nähe unseres Flugzeuges sind. Ich bin mir noch nicht so ganz Einig mit mir, ob es mich noch mal in dieses Land zieht…
Endlich sitzen wir im Flieger, mit ein paar anderen Gestalten, die mir schwer nach gestressten Rucksacktouristen aussehen. Ich habe Beinfreiheit, was mich sehr freut, aber dafür keinen Fensterplatz, was mich gar nicht freut. Aber auf Markus’ Magen ist ja eigentlich immer
Verlass, ich baue darauf, dass der spätestens zwanzig Minuten nach dem Start auf die Toilette rennt und mir dann seinen Fensterplatz anbietet. Wie auf dem Hinflug auch schon. Und vor zwei Jahren auf dem Flug nach Schweden war es nicht anders. Irgendwann ist die Erde zu weit weg und es macht keinen Spaß mehr zu gucken. Also versuch ich, mich weiterzubilden, indem ich endlich mal meine Nase in dieses wunderbar spannende Buch über Self-Made-Management stecke. Aber zum Glück fallen mir nach dreißig mächtig interessanten Leseminuten die Augen zu.
So geht’s auch weiter. Maike und Markus wecken mich dann und wann, weil wir ja auch ab und zu und irgendwann aus dem Flugzeug rausmüssen, nur um dann in ein anderes wieder einzusteigen.
Man, ein Direktflug wäre was feines…

Frankfurt, Flughafen, sehnsüchtig erwartet.
Die letzten fünfundvierzig Minuten habe ich mit plattgedrückter Nase am Fenster gehangen und darauf gewartet, dass der Pilot was von Anschnallen und Hinsetzten erzählt. Jetzt endlich ist es auch so weit und wir sind fast zu Hause.
Na ja, aber eben nur fast.
Uns steht ja noch ein Stückchen Zugfahrt bevor…
böh, schon wieder sitzen. Aber zum Glück fahren wir nur noch ne Stunde. Aber eins weiß ich. Den Fehler mach ich nicht noch mal!
Schon mal versucht, bei 325 km/h aufs Klo zu gehen? Am besten gar nicht erst versuchen. Das geht schief, bei Männern noch eher als bei Frauen.
Wir grapschen nach unserem Gepäck, hetzen mit einem Affentempo durch den Flughafen, brechen den Rekord im Schnellpinkeln, jagen zu den Gleisen, wo die Fernverkehrszüge halten, um dann, völlig atemlos und mit hochrotem Kopf, festzustellen, dass der ICE eine
dreiviertel Stunde Verspätung hat. Maike holt genauere Infos bei dem netten Herrn in der blauen Uniform, der auf die Frage „Wieso Verspätung? Sicher, dass der Zug dann auch in 45 Minuten hier ist?“ mit erstauntem Gesichtsausdruck und Kopfschüttelen „auf die Ansagen aus dem Lautsprechen hören, junge Dame“ antwortet.
Wann das durchgesagt wurde? Vor einer guten viertel Stunde? Also nur noch eine halbe Stunde warten? Wie, eher ’ne Stunde?
Kein Ersatzzug? Was ist denn überhaupt passiert?

Autsch.
Personenschaden…
Was genau passiert ist, will Maike wissen.
Der Bahnmensch macht sich über sie lustig und meint, dass sie ja mal selbst ausprobieren kann, wie viel Schaden angerichtet wird wenn sie sich vor einen Zug schmeißt.
Maike dreht sich einfach um, sagt was von Zeitungen kaufen und geht Richtung Service Point. Markus ist auch mit einemmal weg. Murmelt was von telephonieren. Man, kann der denn seine Anna-Lena nicht mal zehn Minuten in Ruhe lassen? Außerdem schläft die mit Sicherheit schon. Also, hat der denn nicht mal auf den Tacho geguckt? Es ist fast halb zwei. Was im übrigen bedeutet, dass wir nachher alle mit dem Taxi nach Hause müssen.
Jetzt steh ich hier mit drei Taschen und dann kommt auch noch so’n Mensch, der mir unbedingt die Obdachlosenzeitung verkaufen will.
Ich schmeiß einen Euro in seine Sammelbüchse und sage, dass er seine Zeitung behalten kann. Leider gibt der sich damit nicht zufrieden und meint, wer mit dem ICE fahren kann und vorher auch noch geflogen ist (diese dämlichen Schilder an den Taschen enttarnen dich automatisch als Fernreisenden), kann ja wohl mal ein bisschen mehr rausrücken, als so ’nen lausigen Euro.
Ich glaub’s ja wohl, jetzt wird der auch noch aufdringlich. Erzählt mir hier ein von ungerechter Verteilung des Gesamtvermögens in der Gesellschaft und was weiß ich. Ich würde ja gerne die Flucht
ergreifen, aber das geht nicht, wegen dieser doofen Taschen.

Zum Glück kommt Markus gerade wieder und rettet mich
vor dem Typen.
Er zieht ihn einfach weg und geht mit ihm zum Kiosk.
Na super, musst du dem ausgerechnet ein Bier spendieren? Ne Dusche hätte auch gereicht…
Maike kommt wieder, mit einem Stapel Zeitungen unter dem Arm, die sie mit Sicherheit nicht lesen wird. Aber was bleibt uns anderes übrig, als in den Zeitungen zu blättern, während wir auf den ICE warten? Nachts um halb zwei ist es auf keinem Bahnhof der Welt mehr spannend. Markus, beschwer dich nicht. Du kannst dir ja selber den Kicker besorgen. Aber die SportBild reicht ihm dann doch. Fauler Sack. Ich blättere gelangweilt den Anzeigenteil des Kölner Stadtanzeigers durch. Mein Blick bleibt an einer kleinen Anzeige hängen, die zwischen so Sachen wie „Wieder ein Zehner mehr im Umlauf! Oma & Opa gratulieren ihrem Enkel Marvin ganz lieb zum
Geburtstag!“ oder „Liebe Mausi! Ein RIESEN Geburtstagsknutscher von deinem Bärchen!“ steht. Oder das hier…
„Für K. Ich habe meine beste Freundin verloren, aber
dafür meine große Liebe gefunden. K.“
Ich sage dazu nichts. Das kann ja nur ein Zufall sein. Da ist irgendein Klaus oder Kurt oder Karl oder Konstantin, der seiner Karin oder Karoline oder so sagen will, wie lieb er sie hat (aber schon komisch,
dass das so da drin steht…nein, ich werde nicht darüber nachdenken!). Ich warte einfach nur noch auf den Zug. Ich will ganz
schnell nach Hause.

Na toll!
Ich dachte immer, diese Bundeswehr-Fuzzies dürfen unter der Woche nicht nach Hause.
Ach ja? Interessant. Aber das interessiert mich gerade mal gar nicht. Neben mir sitzt so ein Obergefreiter, der alle um sich rum in ein Gespräch ziehen will, und jetzt glaubt, in mir dass passende
Opfer gefunden zu haben. Hör mal, Junge. Bist du zur Bundeswehr gegangen, weil du da felsenfest von überzeugt bist oder hattest du einfach keinen Bock darauf, alten Omis den Hintern abzuwischen?
Oh, super. Studieren, ja? Weißt du, ich studier auch und das, ohne mir vor Studiumsbeginn zehn Monate in den Hintern treten zu lassen. Ja, da hast du recht. Ich bin nicht gut drauf. Außerdem bin ich überzeugte Pazifistin. Und die beiden mir gegenüber auch (also Markus ist dann wohl mehr ein Pazifist).
Jetzt versucht der Herr Obergefreite Klein auch noch, seine Ideale zu verteidigen. Aber ich zwinge Markus und Maike ein Gespräch auf, weil mir so ein paar Sachen eingefallen sind.
Wissen wir, warum Rhanjid, Rajah, Priya und der Rest so schlecht auf Binels Bruder, wie hieß der noch, Peter zu sprechen sind?
Wissen wir, was dran ist, an Priyas Vergangenheit als Teppichknüpfrein?
Was ist dran, an dem Gerücht dass ihr Vater als Zuhälter arbeitet?
Wisst ihr auch nicht? Gut, dann schließen wir das Kapitel (aber interessiert hätte es mich schon…).

Am Kölner Hauptbahnhof sind wir die ersten, die aus dem Zug rausrennen zu den Taxiständen. Wir wollen einfach nur noch nach Hause.
Also entern wir das nächstbeste Taxi und lassen uns nach Hause chauffieren. Wir setzten Markus bei seiner Wohnung ab, damit er endlich, endlich seine Anna-Lena wieder in die Arme schließen kann (der war die letzten zwanzig Minuten so was von hibbelig…) und
Maike und ich fahren weiter.
Das Taxi darf ich alleine bezahlen, weil Maike ja in Frankfurt ihre letzten Euros in Zeitung umgesetzt hat (mir geht diese komische Anzeige nicht aus dem Kopf). Aber um drei Uhr nachts ist mir das alles jetzt so was von egal. Ich will nur noch ins Bett.

Meine Mutter ist etwas mehr als sehr irritiert, als Maike und ich runter in die Küche kommen und je einen Eimer Kaffee verlangen.
Wie, wo kommen wir denn her?
Aus dem Bett.
Ja, klar von oben.
Daher, wo wir letzte Nacht gepennt haben.
Ja, guck nicht so. Wir sind letzte Nacht aus Indien zurückgekommen.
Wieso?
Weil Maikes Oma die Bude ausgeräumt wurde, weil sie ihr beistehen will, weil Markus Vater wird, weil Kai…
Aus. Vorbei mit Beherrschung.
Die Tränen fließen mir nur so übers Gesicht, da wären
die Quellen des Nil stolz drauf.
Meine Mutter ist völlig fassungslos, was denn jetzt mit ihrem Kind los ist und verlangt eine Erklärung. Aber ich sehe mich nicht in der Lage, irgendwas zu erklären.
Ich renne einfach aus der Küche, ziehe mir Jacke und Schuhe an und verlasse das Haus. Maike versucht, meiner Mutter irgendeine Erklärung zu geben, die nicht zu tief in die Sache hinein geht.
Nur weg. Egal wo hin.

Gestern noch am anderen Ende der Welt, da wollte ich unbedingt nach Hause, jetzt bin ich zu Hause und will einfach nur weg.
Ich laufe ziellos durch die Gegend.
Tausend und ein Platz, wo ich gerne bin, wenn ich allein bin. Und wo geh ich hin?
Zum Rhein, zu der Bank, die wir mal irgendwann im besoffenen Kopf unter die Brücke gezogen haben. Schön versteckt hinter diesem Busch mit den Beeren, aus denen wir früher in der Schule dieses
Juckpulverähnliche Zeug rausgeholt haben. Jetzt sitze ich hier und rauche eine Zigarette nach der anderen (neulich erst noch über Kai
gemeckert…und keinen Deut besser). Aber ich kann nicht lange still sitzen, also stehe ich auf und renne sinnigerweise im Kreis um die Bank herum.
He, was ist das denn?
Hinten auf der Rückseite der Bank klebt irgendwas. Ich hocke mich hin und identifiziere es als einen Zeitungsausschnitt, den ich schon mal gesehen habe.
„Für K. Ich habe meine beste Freundin verloren, aber
dafür meine große Liebe gefunden. K.“
Wie kommt das denn hier hin?
Ich stehe wieder auf, drehe mich um und gucke auf das Logo einer Pfadfindergruppe, das genau in der Mitte eines sehr alten und sehr verwaschenen T-Shirts prangt.
Ich weiß genau, wem dieses T-Shirt gehört.
Kai.

Jetzt ist es an mir, völlig fassungslos zu sein. Wie kommt der denn jetzt hierher? Was macht der hier? Und wieso hab ich den nicht gehört?
Ich fange wieder an zu heulen.
Kai und ich fallen uns gegenseitig um den Hals. Unter heftigem Schluchzen sage ich, dass es mir alles so leid tut und das ich ein totaler Holzkopf bin, dass ich nicht eher was gesagt habe und das er aber auch selber Schuld ist, wenn er nichts sagt. Und was hat das eigentlich mit dieser komischen Anzeige auf sich? Und wieso ist er jetzt hier? Wusste er, dass ich hier bin? Und wenn ja, wieso? Und warum…
Aber ich komme nicht weiter mit meinen Fragen, weil Kai mir einfach seine Lippen auf den Mund drückt. Mir fällt nichts anderes ein, als ihn einfach zurückzuküssen. Und erst jetzt merke ich, dass Kai auch heult. Wir sind schon echt bescheuert, oder?

„Ich hab mich nicht getraut, irgendwas zu sagen. Und weißt du, warum? Das ist echt total doof, aber ich hatte total Schiss, dass genau das passiert, was gerade passiert ist.“
Wir sitzen auf der Bank, halten uns in den Armen und Kai erzählt mir alles. Das ganze Wieso und Warum. „Weißt du eigentlich, warum ich damals meinen Bruder überredet habe, mit mir in den LC einzutreten? Wegen dir. Aber du warst ja mit dieser, wie hieß die
noch, Johannah?, zusammen.“ „Hannah. Aber weißt du, dass ich unendlich froh darüber war, dass Lukas mit dabei war? Ich hätte mich sonst nicht getraut, mit dir zu reden.“
„Hä? Wieso?“
„Na, warst damals ja schon ein Jahr älter als ich und…“
„Ich weiß, und das bin ich immer noch!“
„Ja, also, du warst ein Jahr älter als ich. Sahst super aus, und bist da ausgerechnet mit Lukas aufgetaucht. Gott, ich hab mich damals so klein gefühlt mit meinen lächerlichen fünfzehn Jahren.“
„Du hast dich lächerlich gefühlt? Das glaub ich ja kaum. Ich war total verunsichert.“
„Wegen dir. Ich weiß nicht, kannst du dich an den achtzehnten Geburtstag deines Bruders erinnern? Du hast mit ihm zusammen gefeiert.“ (Wir feiern immer zusammen…Lukas hat am 19. und ich
habe am 20. August Geburtstag.)
„Ja, ich glaub schon. Das heißt, war das der Geburtstag, wo ich dich das erste mal gesehen habe?“
„Ja, allerdings. Das war fünf Wochen, bevor du
in den LC eingetreten bist. Und da haben wir miteinander getanzt.
„ ‚Kleine Taschenlampe, brenn’“

„Das weißt du noch?“
„Ich hatte dieses scheußlich grüne Shirt an, nur weil mein werter Bruder meinte, dass würde super zu meinen Augen passen. Und ich war so naiv und hab ihm das geglaubt. Gott, ich hab mich so doof gefühlt neben Andrea und den anderen.“
Wir sitzen noch ewig auf der Bank und reden und
knutschen. Irgendwann aber schellt mein Handy und zerstört
unsere idyllische Zweisamkeit.
„Kannst du mir mal bitte verraten, wo du dich rumtreibst? Und hast du mal auf die Uhr geguckt? Weißt du eigentlich, wie spät das jetzt ist?“
Nein, das ist nicht meine Mutter. Die einzige Glucke in der Familie, die so einen Trouble macht, wenn ich nicht anrufe und Bescheid sage, wo ich mich um solche Uhrzeiten rumtreibe (es ist wirklich verdammt spät, oder eher schon recht früh; ich hab’s ganz schön
lange ausgehalten…halb eins mittags aus’m Haus, jetzt ist’s auch halb eine…wow!), ist mein lieber Bruder…
„Äh, ja. Also, ich und Kai…“
„Ach ja? Kai? Dann gib dem Kai mal bitte dein Telephon.“
Autsch. Was wird das denn jetzt? Ich kriege ja aber leider nur einen Teil des Gesprächs mit…
„Hm, ja. Hi, Kollege! Hm, ja. Jaha! Ja, ehrlich. Wie jetzt? Ach so, da kannst du dich aber drauf verlassen! Jau, mach ich. Nee, bestimmt nicht. Nie wieder! Ja, mach ich. Ich bring sie heile nach Hause. Bis denn, ich meld mich die Tage!“ So, so. Nach Hause bringen sollst du mich… Das macht er dann auch. Aber er kommt nicht mit rein…
Also verabschieden wir uns.
„Tschüss, Kai. Morgen ruf ich dich an und sag dir, wie lieb ich dich hab!“
Ich bin noch nicht ganz in meinem Zimmer (aus dem Maike übrigens verschwunden ist…allerdings weiß ich nicht, wohin) bimmelt mein Handy und ich lese in die SMS
„Ich vermiss dich jetzt schon! 1000 Küsse, Kai“
Hey, ich wusste nicht, dass der so romantisch sein kann.
Das Handyklingeln hat Aufmerksamkeit erregt. Nämlich
die von Maike, die unten in der Küche bei Tee auf mich gewartet hat. „Wo warst du denn, sag mal? Du warst ja eine Ewigkeit weg.“
„Auf unserer Bank. Zusammen mit Kai.“
Ein kurzer Aufschrei und Maike fällt mir um den Hals und drückt und knuddelt mich (ich bin doch kein Teddy!).
„Oh Man, dann hat’s ja endlich geklappt mit euch! Ich hatte also doch recht. OH, ich freu mich so für euch!“
„Hast du eigentlich diese Anzeige im Stadtanzeiger gestern gelesen?“
„Nein, welche meinst du denn?“ Ich zeige ihr die Anzeige.
„ ‚Für K.’, das bin ich. Und das andere K., das ist Kai.“
Und weil ich’s immer noch nicht fassen kann, fange
ich wieder an zu heulen.
„Was hast du denn den ganzen Tag gemacht?“
„Hm, ja. Gechattet.“
„Den ganzen Tag? Mit wem denn?“
„Das ist doch egal. Komm, wir gehen jetzt ins Bett und du erzählst mir alles, was mit Kai war, ja?!“
„He! Nicht ablenken! Ich erzähl’s dir schon noch, aber jetzt mal raus mit der Sprache.“

Wir gehen allerdings wirklich ins Bett, weil ich echt müde bin mittlerweile.
„Erst hab ich meine Mails gelesen, da haben sich einige angesammelt. Und dann hab ich mal geguckt, wer denn so online ist. Und dann haben wir uns die ganze Zeit gemailt…!“
„Schön, aber MIT WEM?!“
„Man, quäl mich doch nicht so.“
„Dann sag schon!“
„Mit Olli!“
„Na, und das war so schwer? Dann wünsch ich dir mal alle Gute, hi hi!“
„Hä? Tinka, manchmal versteh ich dich echt nicht.“
„Na, du wirst schon sehen… Und jetzt schlaf ich, ich muss von meinem Freund träumen.“
… drei Wochen später …
Mein Telephon schellt, aber ich werde nicht wach. Dafür haut mir Kai seinen Ellenbogen in die Rippen und nuschelt irgendwas, das sich anhört wie „uähahndylärmstellmaabislaut“.
Ich liebe diese überaus deutlichen Artikulationen am frühen Morgen.
Und es ist früher Morgen. Ein Blick auf Kais Wecke verrät mir die Uhrzeit und ich werde sauer.
„Es ist Sonntag morgen, halb sieben. Selbst wenn es der Dalaih Lama persönlich ist, sollte er sich überlegen, ganz schnell wieder aufzulegen, sonst komm ich durchs Telephon gekrochen und mach ihm das Leben zur Hölle.“
Schade, es ist nicht der Dalai Lama. Es ist Maike.
„Kannst du mir erklären, wieso du schon wieder Sehnsucht nach mir hast? Wir sind doch erst vor zwei Stunden abgehauen.“ (Mein Cousin, Olli, hatte Geburtstag…)
„Jaha, ich weiß. Aber ich war ja noch länger hier. Also, als ihr gegangen seid, sind die andern auch irgend wie alle gegangen. Selbst Ulli und Mark.“
„Kenn ich nicht. Willst du mir noch was dringendes sagen, bevor mir das Handy aus der Hand fällt?“
„Jaha, deshalb ruf ich doch an! Also, als ihr dann gegangen seid und die anderen auch, hab ich dem Olli noch ein bisschen aufräumen geholfen. Weil ich noch überhaupt nicht müde war. Und dann, also, oh man!“
„ Maike! Was. Ist. Los?“
„Wir sind jetzt zusammen!“
„Toll, und dafür holst du uns so früh wieder aus dem Bett?“
„Freust du dich denn nicht für mich? Oh man, ich kann das gar nicht erwarten, ihn wiederzusehen!“
„Doch, doch. Ich freu mich für dich. Aber ich damit gerechnet. Und jetzt schlaf ich weiter.“
Ich lege auf und sehe vor meinem inneren Auge ganz deutlich das riesige Fragezeichen in Maikes Gesicht. Neben mir höre ich noch ein „wawaswichiges“, dann bin ich schon wieder eingeschlafen.

Irgendwann mittags weckt mich Kai und meint, dass Maike und Olli unten sind. „Irgendwie sehen die komisch aus. Was ist denn
mit denen los?“
„Nix. Außer das die beiden jetzt zusammen sind.“
„Wie, zusammen?“
„Na, zusammen halt. So wie wir auch. Und Markus
und Anna-Lena auch.“
„Hä, woher weißt du das denn jetzt? Oder, Moment mal. Hat nicht heute morgen dein Handy geschellt? Und das war Maike, ja? Guck mal einer an. Die beiden.“
„Wieso? Das war doch in dem Moment klar, als Maike in Indien diese Email vom Olli bekommen hat. Ach so, das hast du ja schon nicht mehr mitgekriegt, elender Flüchtling! Unterschrieben hat der nämlich mit ‚bussie vom olli’!“
„Hä, der schreibt doch sonst so was nicht.“
„Eben!“
Als wir dann zusammen runter kommen, sind Markus und Anna-Lena auch da. Und Kais Oma? Hab ich was verpasst?
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Junge!“
Kais Vater drückt ihm fast die Luft weg und die Oma fängt an zu singen und alle anderen steigen mit ein. Also, das gibt’s nicht! Wegen Maikes Telephonanruf heute in aller Herrgottsfrühe habe ich doch glatt vergessen, dass mein Freund Geburtstag hat. Aber egal. Er begnügt sich mit meinem Geburtstagskuss und flüstert mir was ins Ohr, was sehr nach „davon will ich später noch ein paar mehr“ anhört.

Aber jetzt gibt’s erst mal lecker Kuchen. Irgendwie hört Kais Mutter aus unseren Gesprächen raus, dass Anna-Lena schwanger ist und will auch gleich von Markus wissen, wann denn dann der erste
Hochzeitstag ist.
„Wie, Hochzeitstag? Wir sind nicht verheiratet.“
„Nicht verheiratet?! Aber dann kommt ja euer Kind unehelich zur Welt! Das ist doch eine Schande.“
Jetzt mischt sich Kais Oma ein.
„Wieso Schande? Marita, du bist auch unehelich zur Welt gekommen. Und sein nicht so verdammt konservativ, du bis ja schlimmer als meine Mutter!“
Die gute Frau Lübke weiß sich nicht mehr zu helfen und schüttet Prossecco in sich hinein. Und dann rennt sie aufs Klo.
Oh man, die Frau ist echt ein Original.

Ich sitze mit Maike auf der Hollywood-Schaukel und sie erzählt mir haarklein, was letzte Nacht noch so alles zwischen ihr und Olli passiert ist. Aber zum Glück kann ich sie rechtzeitig abwürgen, als es allzu intim wird. Das interessiert mich nun wirklich nicht. „Oh Maike, ich find’s so toll, dass du die Sache mit Christian so überwunden hast. Und der Olli ist echt ein Schatz. Ich kenn ich ja schon ewig. Als
Kinder haben wir immer bei meinen Großeltern im Garten im Planschbecken gespielt und…“
Weiter komme ich nicht. Anna-Lena kommt zu uns rüber und nimmt den letzten Platz auf der Hollywood-Schaukel in Anspruch.
„Oh Kinder! Ich freu mich für euch. Maike, hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, irgendwann mal Taufpatin zu werden?“
„Ich? Wieso ich? Und wieso nicht Katja?“
„Oh, Maike! Du weißt genau, dass das kein Job für mich ist!“
Anna-Lena druckst noch ein bisschen herum. Ich frag sie.
„Lenchen, was ist los?“
„Wenn du das nicht willst, Maike, musst du
nicht. Ich würde mich nur freuen, wenn eine meiner besten Freundinnen die Taufpatin meiner Tochter wird.“
„Oh, ihr bekommt eine Tochter?“
„Habt ihr schon einen Namen? Und wer hat den ausgesucht?“
„Also, ich habe mich für Sophia entschieden. Und Markus will noch unbedingt Marie dahinter setzen. Meint ihr das ist okay? Meine Uroma hieß nämlich Sophia und ich find den Namen so schön.“
„Na, das ist doch schön. Aber wie kommt Markus denn auf Marie?
„Oh, das wisst ihr nicht? Dann sollte ich vielleicht auch nicht…!
„Was wissen wir nicht?“
„Na ja, Markus heißt mit vollem Namen Markus
Maria Kaufmann.“
Ich spucke fast meinen Prossecco aus, so sehr muss ich lachen.
„Nee, du. Das hat er bis jetzt sehr gut verheimlichen können.“
Maike kringelt sich vor lachen und kriegt sich kaum noch ein.
„Nein, wie geil! Markus Maria. Ist schon klar, warum der damit nie rausgerückt ist.“
„Ihr wisst das nicht von mir, okay?!“
Jau, geht klar. Markus Maria Kaufmann.

Irgendwer hat im Haus laut Musik aufgedreht. Hoffentlich gibt das nicht wieder Stress mit den Nachbarn.
Aber, hey! Das ist doch „Something“ von den Beatles. Oh, aber wieso ohne Text? Aber die Antwort auf eine mir selbst gestellte Frage
folgt umgehend. Der Song fängt nämlich noch mal von vorne an und dann sehen Anna-Lena, Maike und ich, wie Markus, Olli und Kai singend auf uns zu kommen.
Gott! Gut, dass das keiner sieht. Die Jungs ziehen uns von der Hollywood-Schaukel und dann tanzen wir alle durch den Garten.

Als der Song zu ende ist, lassen wir uns lachend ins Gras fallen.
Leider sehe ich jetzt erst Kais Oma und ihre allseits berüchtigte Videokamera…

… zwei Wochen später …

Maikes Oma ist in eine Anlage für alte Leute gezogen. Also in so eine Anlage mit eigenständigen Wohnungen, wo aber immer einer nachgucken kann, ob was passiert ist. Dann brauch sie auch keine Pflegerin mehr. Die hat sie im Übrigen an gezeigt. Das stand sogar in
der Zeitung, mit Bild. Und eine Woche später haben sich noch drei anderen Senioren gemeldet, die von der gleichen Frau abgezogen worden sind.
Und Maike?
Maike und ich wohnen jetzt zusammen in der geilsten Dachgeschosswohnung, die Köln je gesehen hat.

…drei Wochen später…
Wir gehen wieder in die Uni. Und alles geht seinen normalen Gang. Nur sieht man jetzt andauernd Markus irgendwo an einem Fenster stehen wie er Löcher in die Luft starrt.
Aber wehe, einer fragt, was los ist… Dann wird er richtig sauer.
Wir werden wieder überhäuft mit Referaten und Hausarbeiten und jeder Menge Klausuren. Die ganze Arbeit mit den Projekten in Kulturpolitik bleibt aber komischerweise jetzt an mir hängen, weil Markus nur noch sehr selten auftaucht.
Deshalb krieg ich jetzt immer Schelte vom Prof, weil ich mit den Berichten nie rechtzeitig fertig werden. Der Junge kann was erleben, wenn der mir das nächste Mal über den Weg läuft…

… vier Tage später …
Es ist eigentlich ein schöner Morgen, wäre da nicht die Tatsache, dass es Montag ist und ich nicht den ersten, wohl eher missglückten Teil meiner Seminararbeit in Kulturpolitik abgeben muss.
Kann mir bitte einer verraten, wo die ganzen Leute herkommen? Wieso stehen die alle heute hier rum?
Hä, und was machen Kai und Anna-Lena hier?
„Leute, kann mir mal einer verraten, was hier
los ist?“ „Hase, ich habe keine Ahnung. Wir wurden heute
morgen hierher bestelle. Aber wieso krieg ich
eigentlich keinen Begrüßungskuss?“
Ich knutsche meinen Freund ab und gehe mein Fahrrad wegbringen.
„Das ist also der Grund, warum du dich nicht mit mir daten willst!“
Na, danke! Der Tag ist wohl gelaufen.
Ausgerechnet Christopher…! Seit drei Semestern schleicht der um mich herum und fragt mich bestimmt alle zwei Wochen, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm mal ’nen Cocktail trinken zu gehen. Und seit drei
Semestern sage ich ihm, dass er mich in Ruhe lassen soll. Die Clique hat ihn mal in der Kneipe getroffen, er war so glücklich, dass er rausgefunden hat, wo ich immer hingehe…! Weniger glücklich war er dann von der Ansage, die er von Kai, Markus und meinem Bruder
bekommen hat (damals war sogar Marius noch dabei…aber gesagt hat er dazu nix…). „Was meinst du?“
„Du, tu nicht so. Ich habe dich mit diesem Typen gesehen. Du hast den ja richtig abgeschleckt. Widerlich!“
„Hallo? Muss ich mich hier rechtfertigen, dass ich auf offener Straße meinen Freund küsse?“
„Deinen Freund? Das ist doch nicht dein Freund! Den hast du doch bestimmt als Alibi engagiert, damit ich dich nicht noch mal frage, ob du mit mir ausgehen willst.“
„Pass auf, ich sag dir jetzt drei Dinge, dann geh ich und du sprichst mich bitte NIE WIEDER an: erstens ist Kai mein Freund, zweitens würde ich nie mit dir ausgehen und drittens solltest du langsam kapiert haben, dass ich dich nicht ausstehen kann. Und wenn du jetzt nicht die Qualitäten meines Freundes als Sanitäter kennen lernen möchtest, mach dich vom Acker, aber zackig!“
Endlich haut der Kerl ab. Bah, der ist so derart widerlich…uahh!

Ich gehe zurück zu Kai, Maike und Anna-Lena. Inzwischen ist auch Olli eingetroffen und wir stehen alle ziemlich ratlos rum.
Ich erzähl gerade die Geschichte von Christopher, da hören wir von irgendwoher Musik.
„Das ist doch ‚Something’, oder?“
„Maike hat recht. Aber wo kommt das her?“
Anna-Lena hat das Fragezeichen noch nicht ausgesprochen, als sich vom Hauptgebäude ein riesiges Banner herunterrollt:
„Anna-Lena Ritter! Aus allen Trotteln dieser Erde hast du mich ausgesucht! Hast du den Mut, dich in guten und in schlechten Zeiten mit diesem Trottel herumzuschlagen?“
Anna-Lena fängt an zu heulen, der Rest von uns fängt an zu lachen.
Das ist also der Grund, warum der Junge so abwesend war in der letzten Zeit. Von irgendwo taucht Markus dann auch auf, fällt vor
Anna-Lena auf die Knie und drückt ihr eine Rose in die Hand.
„Diese Blume ist so einzigartig wie du. Anna- Lena Ritter, ich liebe dich! Ich liebe dich so sehr, ich möchte mit dir den Rest meines Lebens verbringen. Willst meine …“
„Steh auf, du Idiot! Die Leute gucken schon!“
Oh, das ist göttlich! Markus auf Knien und Anna-Lena total geniert. Aber Markus steht dann doch auf.
„… willst du mich heiraten?“
„Ich weiß nicht.“
Markus ist entsetzt. Ihm fällt regelrecht die Kinnlade herunter und wir vergessen für einen Moment das Jubeln. Was soll das denn jetzt?
„Ich weiß nicht so recht. Nur wenn wir den Termin mit der Taufe unserer Tochter auf einen Tag setzen!“
Markus und Anna-Lena fallen sich in die Arme. Das ist nun das zweite Mal, dass ich Markus heulen sehe… Ob der das durchsteht?

 

… sieben Monate später …

 

Tatsächlich!
Er hat es durchgestanden. Zwar haben wir eine ganze Weile nichts von den beiden gehört oder gesehen, aber an Maikes Geburtstag stehen die beiden auf ein al vor der Tür.
Mit Kinderwagen!
Und Sophia-Marie ist wirklich ein süßes Baby.
Wir sind alle happy, die beiden, sorry, die drei zu sehen. Die haben sich echt verkrochen in der letzten Zeit. Aber wer konnte den beiden schon böse sein?
Jetzt ist die Clique wieder komplett und es wird ein bisschen gefeiert.
„Du, Katja…“
Oh, oh! Ich kenne diesen Tonfall…
„Du, Anna-Lena…“
“Du, Katja, also ich muss dich was fragen.”
„Du, Anna-Lena, dann tu’s auch und red nicht um den heißen Brei herum!“
„Also, Maike hat schon ja gesagt, und ich würde mich echt freuen, wenn du auch zusagen würdest.“
„Erst sagst du mir, wozu ich zusagen soll. Du
kennst die Tanz-Geschichte ja mittlerweile…“
„Ach so, ja. Äh also, weißt du, hm, ichbrauchhnochnezweitebrautjungfer.“
„Bitte, was? Artikulier dich mal bitte ein bisschen deutlicher.“
„Ich brauche noch eine zweite Brautjungfer. Und ich würde mich freuen, wenn du eben diese sein würdest.“
„Ja, ja! Wieso nicht?!“

Klar, wieso eigentlich nicht?
War ich eigentlich bescheuert? Mit diesem Kleid geh ich nicht vor die Tür! Maike sieht auch nicht viel besser aus.
Zum Glück können wir Anna-Lena dann dazu überreden, sich den Traum von in rosa gehüllten Brautjungfern aus dem Kopf zu schlagen.
Ja, gut. Wenn’s sein muss, zieh ich eben ein Kleid an.
Gefällt dir nicht das blaue dahinten?
Puh! Glück gehabt!

… vier Wochen später …

Oh, das war so schön! Echt wahr! Ich habe fast geheult. Na gut, ja! Ich habe geheult. Aber jetzt wird gefeiert.
Alle sind glücklich, alle sind happy, alle sind froh und überall, wo man so hinguckt herrscht Liebe und Frieden und so…
Dieser Anzug steht Kai aber wirklich ausgezeichnet. Aber meiner Meinung nach unterhält der sich jetzt ein bisschen zu lange mit Anna-Lenas Cousine.
„Maike, nimm mir doch mal dein Patenkind ab. Ich muss da mal eben was klären.“
„Oh, du meinst diese Sarah, ja? Die hat vorhin schon den Olli so angequatscht. Hat wohl Angst, dass sie keinen mehr abkriegt, oder? Komm her, Sophia!“

“Dir steht dieser Anzug überaus gut. Nicht so wie mein Kleid. Das wirft hinten so komische Falten um den Hintern herum. Sieh mal, hier und dann hier. Und an den Hüften, und im Dekolleté sitzt das auch nicht besonders. Guck mal, der Ausschnitt. Ist der nicht eigentlich viel zu tief? Ich bin ja nicht so sehr dafür, wenn das alles so auf dem Präsentierteller liegt.“
„Warum hast du dir das Kleid denn dann gekauft?“
„Tinka! Endlich! Hase, ich hatte solche Sehnsucht nach dir!“
Kai schließt mich in die Arme und flüstert mir irgendwas ins Ohr. Was ich nicht ganz verstehe, aber dafür kitzelt das ganz schön und ich muss lachen. Scheint zu wirken, denn Sarah macht sich schleunigst aus dem Staub.
„Hase, du bist meine Rettung! Diese Frau ist unmöglich. Hast du gesehen, wie die mich angebaggert hat? Das hat die vorhin auch schon beim Olli versucht.“
„Ja, hab ich gesehen. Aber jetzt bist du ja erlöst und kannst deiner Retterin mal einen Dankeschön-Kuss geben, oder“
„Einen?“
Wir versinken in einem Kuss.
Nur dann hören wir ein entsetztes Aufschreien von Maike.
„Ahh, mein Kleid!“
Ich fange unwillkürlich an zu lachen!
Sophia-Marie Kaufmann hat ihr Abendessen gerade auf Maikes Kleid ausgebreitet…
… eine Woche später …

 

„Liebe ihr alle! Es war so toll hier, da musste ich noch mal hier hin. Priya war total begeistert, als wir vor ihrer Tür standen (und das unangemeldet!) und Rhanjid und sie haben gleich den Alkohol rausgeholt. Ich hoffe, meiner Kleinen geht’s gut bei euch. Wir genießen das hier, ohne euch! Allerdings könnte es sein, dass sich unserer Rückkehr etwas verzögert wegen der Überraschung! Alle Liebe Grüße, Markus & Lena“
„Kai, welche Überrauschung meint der?“
Wir sitzen zusammen bei Kai im Garten und grübeln darüber nach. Die Karte aus Indien kam heute morgen. Allerdings hat nur Kai eine bekommen, was ich ein bisschen ungerecht finde, aber immerhin haben die überhaupt eine geschickt.

Frankfurt, Flughafen

„Das glaub ich nicht! Kai, die zwei haben Besuch mitgebracht! Kai, jetzt guck doch mal! Das sind doch Rhanjid und Priya, oder?! Oh, ich freu mich so!“
Das ist nämlich die Überrauschung: Markus und Anna-Lena kommen gerade mit ihrem Gepäck auf uns zu und im Schlepptau haben sie Priya und Rhanjid!
Wie, Arbeitserlaubnis? IBM? Hä, erklär mir das genauer.
Rhanjid erzählt mir irgendwas, was ich aber nicht verstehe durch den ganzen Trouble. Okay, dann warte ich eben, bis wir zu Hause sind.

Also, Rhanjid hat einen Job bekommen bei IMB, hier in Deutschland. Wegen dieses Programms, was er da geschrieben hat, als wir damals in Indien waren. Und die waren total überzeugt davon, dass die ihn vom Fleck weg eingestellt haben.
Und Priya durfte komischerweise irgendwie mitkommen.
Wie, ist ja egal. Das tolle ist doch, dass sie hier ist.
Wie, wieder zurück? Ach so, nur zur Eingewöhnung.
Na ja, in zwei Wochen fliegt Priya dann wieder zurück in die Heimat. Aber dafür bleibt Rhanjid hier. Und was ist mit Rajah? Was macht der jetzt?
„Das ist mir so was von egal!“
Hoppla, was ist da denn los?
„Ihr erinnert euch doch an diesen Typen, der mit dir, Maike, da rumgemacht hat? Ja? Also, dieser Typ hatte nichts besseres zu tun, als auf der nächsten Party sich an meinen Freund ranzumachen. Und zwei Wochen später schreibt Rajah mir einen Brief, in dem stehet, dass ihm das alles so sehr leid tut, aber es geht nun mal nicht anders. Und dann sehe ich die beiden einträchtig über den Campus laufen. Ende der Geschichte!“
Autsch, scheiße.
Aber wir sind alle sehr zuversichtlich, dass Rhanjid hier sehr schnell Anschluss finden wird.
Priya herzt und knuddelt auf dem Weg vom Flughafen Frankfurt nach Köln die ganze Zeit die kleine Sophia, will sie selbst nciht loslassen als wir endlcih angekommen sind und uns auf die Terasse meiner Eltern pflanzen. „Mein Rock!“

Priya rennt ins Bad und Maike und ich hinterher. Das ist die Gelegenheit, alles haarklein zu erfahren, was da zwischen Rajah und Rhanjid passiert ist.
Erst weigert sie sich, aber dann… Weiber eben, würde mein Bruder sagen. Können wieder nix für sich behalten.

…sechs Monate später…
„Maike, kannst du mal aufmachen? Maike, es hat geklingelt? Geh mal, ich hab die Haare voll Schampoo!“
„Ja, jetzt schrei doch nicht so. Ich geh ja
schon! Ahhh! Was…“
Mehr höre ich leider nicht, weil ich den Wasserhahn aufdrehe und mir die Haare ausspüle. Aber warum bitte lässt sich Maike ausgerechnet Montagsmorgens zu derartigen Begeisterungsstürmen hinreißen?
Ich föhne mir schnell die Haare, nicht besonders ordentlich, heute ist eh „Bad-Hair-Day“ wegen Regen. Dann geh ich in die Kühe und wen sehe ich da?
„Rajah! Raj, wie kommst du denn hierher? Und was machst du hier? Ich meine, …oh man! Maike, hat er schon was erzählt?“
„Nee, aber zwei Tassen Tee mit Rum werden gleich das nötige dazu tun.“
„Rum? He, das war der letzte Rest aus der Havanna-Flasche, die Lukas im Sommer mitgebracht hat! Was fällt dir denn ein, einfach an meine Reste zu gehen? Sorry, Rajah!”
“Mensch, Junge! Jetzt guck nicht unseren Tisch kaputt, sondern erzähl!“
Ja, und dann sprudelt die ganze Geschichte aus ihm raus…
„Das war so’n Scheiß, der da passiert ist. Wir haben uns gestritten, Rhanjid und ich. Und dann bin ich alleine auf diese Party, weil er nicht mitwollte und ich aber nicht zu Hause bleiben wollte.“
„Warum habt ihr euch gestritten?“ „Ach Maike, das waren Kleinigkeiten! Das fing beim Programmieren an, ich wollte da einen anderen Weg gehen, und hörte dann in gegenseitigen Vorwürfen auf. Dann hab ich gesagt, dass Rhanjid immer seinen Kopf durchsetzten
will und so weiter und so fort. Einen tag später wollte ich mich dann entschuldigen, ich mag echt keinen Streit. Aber er war immer noch bockig, und dann bin auf die Party. Da hab ich mich dann volllaufen lassen und ich wird doch schon betrunken, wenn ich die Flasche bloß angucke. Naja, auf jeden Fall hab ich dann wohl Saif getroffen. Das war dein Typ Maike. Mit dem bin ich dann nach Hause. Aber gelaufen ist da nichts, ich hab’s noch irgendwie geschafft, die Notbremse zu ziehen. Aber geglaubt hat’s mir keiner! Said hat nämlich direkt am anderen Tag die Geschichte umgedichtet und weiter erzählt. Und als ich dann zu Rhanjid bin, hat der mich gleich damit konfrontiert und er hat sich nicht mal meine Version anhören wollen und dann hat er mir den Ring vor die Füße geschmissen und hat mich rausgeschmissen!“
Scheiße!
Und so wie der Typ da sitzt und in seinen Tee heult, sagt er die Wahrheit…
„Hast du das noch wem erzählen können, der dir
das glaubt? Ich meine, außer uns? Du glaubst ihm doch auch, oder Tinka?“
„Na, hör mal! So wie du heulst, Raj, dass kann nicht ausgedacht sein. Außerdem wärst du ja sonst nicht hier, oder?“
„Ich war bei Priya.“
„Bei Priya?! Und was sagt sie dazu?“
„Ich hab’s erst mal ihrem Freund erzählt, Vivek.“
„Vivek ist Axel Schulz, ja?“
„Ja, genau so hast du den genannt. Also, ich bin in die Bar und wollte Priya sprechen, aber die war nicht da. Vivek meinte, ich könne aber auch mit ihm reden. Er würde sich die Geschichte mal anhören. Die
Geschichte kenne er schon, aber meine Seite würde ihn schon interessieren. Und da hab ich ihm das dann erzählt.“
„Und dann?“
„Und dann sagt der mir, dass Priya mit Rhanjid in Deutschland ist, weil Rhanjid hier bei dieser Computerfirma anfängt!“
Und wieder fängt Rajah an zu schluchzen. Und irgendwie ist mir das unangenehm.
„Maike, meinst du, die Uni kann mal einen Tag ohne uns auskommen?“
„Oh, auf jeden Fall. Angela muss heute ’nen Vortrag im Steine-Seminar halten. Das muss ich mir echt nicht geben!“
„Gut, ich geh kurz telephonieren. Bin gleich wieder da.“

Jetzt ist Dortmund ja nicht unbedingt nah bei Köln. Und die Strecke mit dem RE1 ist auch nicht unbedingt spannend, aber es geht ein bisschen schneller als mit dem Auto…jetzt kann ich nur hoffen, dass ich den Jungen überredet kriege.
„Hi, Rhanjid! Katja hier. Wie geht’s dir?“
„Oh, Katja! Hm, ich bin ein bisschen müde. Du hast mich aus dem Bett geholt. Ich hab heute nämlich frei (*gähn*), weil ich am Wochenende durchgearbeitet habe. Gibt’s ’nen bestimmten Grund, dass du mich anrufst Montags morgens?“
„Ähh, ja. Tatsächlich. Was hast du heute denn noch so vor?“
„Tja, eigentlich wollte ich ausschlafen. Aber du
hattest ja was dagegen.“
„Wie sieht’s denn heute mit deiner
Reisebereitschaft aus? Hast du Zeit, dich in den Zug zu setzten und nach Köln zu kommen?“
„Oha, du hast mich wohl schon verplant, oder? Na, dann werd ich duschen gehen und den nächsten Zug nehmen. Ich kann in knapp vier Stunden da sein. Reicht das?“
„Perfekt! Ich hol dich am Bahnhof ab. Bis später!“
Das war Anruf Nummer eins. Jetzt noch Kai und der soll dann ’ne Telephonkette machen.
„Guten Morgen, mein Schatz!“
„Tinka! Tinka, du bist der erste vernünftige Mensch, der heute mit mir redet! Aber wieso hast du Zeit zum telephonieren? Ich denke, du musst brav zu Dr. Lykow ins Seminar? Oder fängt das später an?“
„Ich kann da heute nicht hingehen. Mir ist was dazwischen gekommen.“
„Was dazwischen gekommen, hm? Was kann denn wichtiger sein, als dein geliebtes Akustikseminar?“
„Rajah ist hier!“
„Ich bin in zwanzig Minuten da!“
„Kai! Kai, warte! Du musst Markus und Olli anrufen. Und Anna-Lena. Die muss ja auch Bescheid wissen! Und dann kommt her, du und Markus.“
So, dass wäre geklärt.
Kai studiert jetzt übrigens auch. Chemie! Ja, genau so hab ich auch geguckt!
Ich komme zurück in die Küche und gucke in zwei fragende Gesichter.

„Raj, wie lange bist du jetzt eigentlich unterwegs?“
„Ewigkeiten! Irgendwie gab’s wohl keinen Dirketflug. Und dann musste ich noch so lange mit dem Zug fahren.“
„Woher wusstest du eigentlich, wo wir wohnen?“
„Na, von Priya. Als sie aus zurückkam, hat sie mich direkt besucht und wollte die Geschichte noch mal hören. Vivek hatte da wohl einiges vergessen. Und sie hat mir tatsächlich geglaubt! Und dann haben wir
zu dritt, Vivek war auch dabei, überlegt, was ich machen soll.“
„Und dann haben sie dich ins Flugzeug gesetzt.“
„Na, nicht direkt. Priya meinte, es sei besser, das Semester zu beenden. Rhanjid müsste sich erst in Dortmund, heißt das so, ja?, eingewöhnen und bräuchte sicher auch Zeit. Und dann hab ich mich beworben für ein Stipendium. Und ich hab’s bekommen. Für Deutschland. Und dann haben sie mich gefragt, wo in Deutschland man den Praxisnah Informatik studieren könnte, wo ich denn die Chance hätte, in einer Firma zu arbeiten. Da hab ich Dortmund gesagt, und die Sekretärin musste das dann abtippen. Und eine Woche später bekomme ich den Brief, wo drin steht, dass mir an der Uni Dortmund eine Studienplatz für Informatik zugewiesen wurde.“
„Wahnsinn!“
„Ja, das haben Priya und Vivek auch gesagt. Die sind dann zusammen mit mir ins Konsulat oder in die Botschaft oder so. und vier Wochen später hatte ich mein Visum. Und Vivek hat mir das Flugticket besorgt
und dann haben die beiden mich zum Flughafen gefahren.“
„Und jetzt bist du hier. Und was machen wir jetzt mit dir?“
Da schellt zum Glück die Türklingel.
„Maike, kannst du nicht noch Kaffee kochen? Und du Raj, du legst dich jetzt hin. Mindestens eine Stunde.“
„Was soll ich? Und wieso macht denn keiner die Tür auf?“
„Du sollst schlafen. Verstanden. Kannst auch mein Bett haben. Dahinten, die rote Tür. Ab jetzt!“
„Na gut. Ich bin wirklich müde. Und was ist mit der Tür?“
Maike, seist du gepriesen für deine Ausreden.
„Ach, das ist doch nur die Frau Utzerath aus dem zweiten Stock. Das klingelt immer zweimal, wenn wir wieder vergessen haben, die Außentür abzuschließen.“
„Ach so. Das ist ja lustig. Oh, ich bin wirklich müde. Und ich kann in dein Zimmer, Katja?“
„Du könntest schon seit zehn Minuten schlafen!“
Endlich kann ich Kai auch reinlassen.
„Man, was war denn hier los? So lange musst ich ja noch nie draußen stehen. He, riech ich da Kaffee? Und wo ist Rajah?“
„Psst! Wir konnten den Jungen gerade aus dem Weg schaffen. Wir müssen dringend was besprechen. Weißt du, wo Markus steckt?“
„Kommt in einer halben Stunde. Der ist mit Sophie und Lena beim Kinderarzt. Impfen.“
„Ihh!“
Das war Maike. Sie hasst Spritzen.
„Krieg ich jetzt Kaffee? Wenn nicht, bekommt ihr keine Brötchen!“
So schnell hab ich noch nie den Tisch gedeckt.

„Wir erzählen alles später, wenn Markus auch da ist. Hast du Olli erreicht?“
„Hmm, habbich. Deaisch nichauf abeid weilla sahnscmeasn had.“
„Schluck mal erst runter und dann noch mal das Ganze.“
Ja, ich habe Olli erreicht. Der ist nicht arbeiten, weil er Zahnschmerzen hat und auf dem Weg zum Zahnarzt war. Du sollst ihn später anrufen, Maike.“
Markus klingelt.
„Hi, sorry! Ging nicht schneller.“
„Noch schneller? Kai sagte was von ’ner halben Stunde, du hast jetzt mal gerade 15 Minuten gebraucht. Wie geht’s Frau und Kind?“
„Meine Tochter liebt Spritzen, glaub ich. Die fand das toll. Frag nicht, Maike. Von mir hat sie das nicht! Ich riech Kaffe! Hey, Alter! Oh, Brötchen. Super. Und jetzt, Mädels, raus mit der Geschichte!”
Also erzählen Maike und ich die ganze Geschichte.
„Tja, und jetzt ist er hier. Und Rhanjid sitz (ich schiele auf meine Küchenuhr) jetzt gerade im Zug nach Köln!“
„WAS?!“
„Ja, ich hab ihn angerufen, und ihn irgendwie herlotsen können. Und um 11:06h ist er am HBF.“
„Er weiß aber nicht, ja?“
„Blöde Frage. Natürlich nicht! Ich wird ihn abholen, mit Maike zusammen. Ihr zwei werdet mit Rajah dann irgendwo auf uns warten. Ich weiß nur noch nicht, wo.“
„Alter Markt.“
„Ja, natürlich. Aber unten, oder?“
„Na klar. Wir werden irgendwo Kaffeetanken gehen und dann mal so rum gucken. Und ihr klingelt dann kurz durch, wenn ihr da seid.“
So sieht’s aus.
Mal gucken, was daraus wird.

11:15h.
Es hätte mich ja auch gewundert, wenn der Zug pünktlich wäre.
11:20h.
„Meine Damen und Herren, an Gleis 7 hat Einfahrt
der RegionalExpress mit der Nummer 1 aus Dortmund. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt an Gleis 7.“
Na, das wurde ja auch mal Zeit.
„Hey, Rhanjid! Schön, dass du da bist.“
„Oh, Maike. Ich wusste nicht, dass du auch frei hast. Schön, wir haben uns lange nicht gesehen! Was habt ihr denn mit mir vor?“
„Ich kaufe einen neuen Laptop. Und niemand kennst sich besser mit diesen Teilen aus, als du. Und deshalb wirst du mir jetzt zeigen, worauf man alles achten muss, und was alles wichtig ist. Und dann
gehen wir Kaffeetrinken.“
„Katja, Katja. Wann lernst du es endlich?“
„Wahrscheinlich nie. Ich hab ja dich.“
Und dann stiefeln wir los, Richtung Alter Markt.
Natürlich, ich weiß auch, dass da unten kein Fachhändler ist, aber Rhanjid weiß das nicht.
„Maike, wolltest du nicht Markus und Kai kurz anrufen? Vielleicht haben die beiden ja nachher Zeit, mitzukommen?“
„Hey, gute Idee!“
Und schon hat sie das Handy in der Hand. Klingelt die beiden aber natürlich nur an.
„Hmm, da geht bei beiden nur die Mailbox ran. Ich versuch’s später noch mal.“

In der Zwischenzeit sind Kai und Markus mit Rajah am Alter Markt angekommen. Treffpunkt: unteres Drittel, Papierkorb Nummer 3.
Fragt mich nicht, warum ausgerechnet der. Das Gerücht, ein sturzbetrunkener Philosophieprof hätte Rosenmontag mal seinen Mageninhalt hier gelassen, hält sich hartnäckig…
Naja, auf jeden Fall weiß Rajah nicht, was er hier soll und wird zappelig.
„Ich freu mich ja, euch zwei auch wieder zu sehen. Aber können wir nicht wo anders hingehen?“
„Nein! Wir bleiben schön hier. Gleich gibt’s ’ne Überraschung!“
„Oh nein, bitte. Ich mag so was nicht.“
„Keine Widerrede. Diese wird dir gefallen!“
„Und du hast echt das ganze Wochenende gearbeitet, Rhanjid?“
„Ja. Das war aber auch nötig. Ich musste mich ablenken.“
Achtung! Jetzt folgt eine von Maikes Inquisitionen, die sehr nervig sein können, sollte man nicht gewillt sein, was zu erzählen.
„Ablenken? Rhanjid, wieso? Ist was passiert?“
„Naja, wie man’s nimmt. Ich habe Post von zu Hause bekommen.“
„Hey, aber das ist doch schön! Ist da denn alles in Ordnung? Bei deinen Eltern und bei Priya?“
„Ja, ja. Den geht’s gut.“
„Na, was machst du dann für ein Gesicht! Und von wem war der Brief denn? Von deinen Eltern?“
„Nee, von Priya.“
„Und?“
„Und was?“
Ich hätte ja für so was gar keine Geduld. Ich bin jetzt schon hibbelig. Aber Maike macht selenruhig weiter. Als ob nichts sein.
„Und was stand in dem Brief? Was hat Priya
geschrieben? Geht’s ihr gut? Kommt sie dich mal
wieder besuchen?“
„Nein. Ich meine, sie hat vorerst wohl nicht die Zeit, herzukommen.“
„Schade, ich würde sie gerne einmal wieder sehen. Aber ihr geht’s gut, ja?!“
„Ja. Ja ihr geht’s gut. Und Vivek auch.“
„Wer ist denn Vivek?“
„Vivek ist ihr Freund. Wie hast du ihn genannt, Katja? Axel?“
„Ach ja, Axel Schulz. Aber doch nur, weil ich seinen Namen nicht wusste, und er so groß ist. Vivek also.”
„Priya und er hatten Besuch. Von Rajah.“
„Von Rajah?! Rhanjid, was war denn da? Sie hat dir doch bestimmt erzählt, was er wollte, oder?“
Und dann erzählt Rhanjid, was Priya ihm geschrieben hat. Nämlich, dass sie Rajah getroffen hätte und wann, und was er ihr erzählt hat und dass sie ihm glaube, weil sie ihn schon so lange kennt und so
weiter und wo fort.
„Naja, und Rajah kommt nach Deutschland. Er hat ein Stipendium bekommen.“
„Und? Was denkst du darüber?“
Das war jetzt ist, denn mir wird das echt zu bunt.
„Hm, ich glaube, ich würde ihn schon mal gerne wiedersehen…“
„Heißt das, du würdest ihm nicht aus dem Weg gehen, wenn du ihm zufällig über den Weg läufst?“
„Nein, ich würde gerne mit ihm reden. Ich …“
Aus. Vorbei.
Jetzt fängt Rhanjid an zu weinen.
„Das heißt, du bist nicht über ihn hinweg, oder?“
„Nein! Ich hab echt versucht, ihn zu vergessen. Aber dann kam am Donnerstag der Brief von Priya und alles war wieder da! Wir hatten echt so eine schöne Zeit zusammen!“
„Und meinst du, Rajah geht’s vielleicht genauso wie dir? Wozu, glaubst du, hat er wohl Priya sonst besucht?“
„Hmmm.“
Wieder ich.
„Sag mal, Rhanjid. Glaubst du, ihr hättet noch ’ne Chance? Ein Neuanfang? In einem anderen Land?
Also hier?“
„Ich weiß nicht.“
„Spricht was dagegen? Eigentlich nicht oder?“
„Hmm, eigentlich wirklich nicht.“
„Und du hast ihn wirklich noch sehr gern, oder?“
„Ja, schon. Ich kann ich auch nicht vergessen.!
Jetzt wieder Maike (wir sind echt unschlagbar!).
„Rhanjid, Katja und ich haben heute Morgen Besuch bekommen. Von Rajah!“
Jetzt ist Rhanjid erst mal sprachlos.
„Katja, ich glaube, du wolltest gar keinen Laptop kaufen, oder?
„Nein, du. Das wollte ich nicht.“
„Ihr habt mich hier her gelotst, ihr beiden. Um mir zu sagen, dass Rajah nach Deutschland kommt, oder?“
„Nicht kommt. Sondern schon da ist. Aber weißt du auch, dass er ein Stipendium für die Uni Dortmund hat?“
Nein, dass weiß Rhanjid nicht. Und wieder ist er sprachlos.
Wieder Maike.
„Du weißt auch nicht, dass Priya und Vivek maßgeblich dazu beigetragen haben, dass er jetzt hier ist?“
Und wieder wird die Geschichte erzählt.
Mein Handy klingelt. Und Maikes auch.
SMS.
„Wir sollten die Aktion jetzt starten. Rajah heult sich die Augen aus dem Kopf. Wir kommen jetzt zu euch hoch. Kai“

„Rajah, hast du nicht Lust, irgendwo was essen zu gehen? Du musst ja total ausgehungert sein mittlerweile.“
„Hmm, schon.“
„Okay, dann mal los. Ich kenn da ein echt nettes Kaffee, sehr bodenständig. Wird dir gefallen.“
Die drei Jungs laufen also einfach den Alter Markt herunter. Und irgendwann merkt Rhanjid, dass wir immer noch an der gleichen Stelle stehen.
„Warten wir hier eigentlich auf wen?“
„Ja, allerdings warten wir auf wen. Guck mal, da kommt deine Überraschung!“
„Guck mal, Rajah! Da vorne steht deine Überraschung!“
Markus macht Rajah auf uns aufmerksam und der bleibt völlig entgeistert stehen.
Und Rhanjid ist nicht weniger perplex.
Maike und ich gehen ganz vorsichtig zu Seite, genauso wie Kai und Markus.
Die beiden stehen sich bestimmt eine Minute gegenüber und sagen erst mal gar nichts.
„Ich habe Post von Priya gekommen vor drei Tagen.“
„Ja, sie wollte dir schreiben. Sie wollte dir die Geschichte erzählen.“
„Hat sie auch.“
„Und?“
„Was und?“
„Glaubst du ihr?“
„Ich hatte nie Grund, meiner Schwester nicht zu
glauben.“
„Das heißt…?“
Keine Ahnung, was dann noch geredet wird, denn unter lauter Schluchzen fallen die beiden sich in die Arme.

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